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Expertengespräch zur genetischen Textkritik im Bereich Musik

Diskussion Teil 1: Der literarische und der musikalische Textbegriff

Diskussionsleitung: Dr. Gabriele Buschmeier (Akademie der Wissenschaften und der Literatur)

Gabriele Buschmeier dankt für die grundlegenden Überlegungen zum Verständnis von „Text“ in literarischer und musikalischer Sicht in den Beiträgen von Herrn Gabler, Herrn Appel und Herrn Veit und eröffnet die Diskussion.

Herr Gärtner hinterfragt zu Beginn, aus der Sicht der mediävistischen Textkritik und Editorik, die Rolle der sogenannten Pragmatik, also Aspekte der Materialität, Kodikologie und Paläographik in Gablers Ansatz und erwähnt als Beispiel die Frage des Niveaus einer Schrift (etwa den Unterschied von hochsprachigen heiligen Texten in Messbüchern und niedrigeren Niveaus in volkssprachlichen Texten). Dieser Bezug, den er in Appels drittem Bereich, also den impliziten Metatexten, die zur Deutung herausfordern, wiederfinde, scheine ihm in Gablers Ansatz zu fehlen, da die Rolle des Textes im Gebrauch nicht berücksichtigt sei. Gabler verweist darauf, dass er diese Aspekte der Pragmatik nicht in seiner Vorstellung berücksichtigt habe, weil sich seine Kategorisierung von Originalhandschriften auf eine Sorte von Handschriften bezogen habe, die es seines Wissens in der vor-gutenbergschen Überlieferung so noch nicht gab. Er könne sich aber gut vorstellen, dass die bei der Beschreibung von Notenhandschriften vorgestellten analytischen Ansätze bzw. die von Gärtner genannten der Pragmatik, dort, wo sie sich mit den verschiedenen Niveaus von Verschriftlichung befassten (auch unter Beifügung von Glossierungen und dergleichen), lohnen könnten, denn solche Gebrauchsspuren trügen auf jeden Fall zur Klärung unseres Umgangs mit Text und Textüberlieferung bei.

Ein weiterer Diskussionspunkt ist der Begriff Metatext. Katrin Eich weist den Metatexten neben den Variantenbildungen eine der größten Rollen bei der Entschlüsselung des Schaffensprozesses zu und regt an, eben diesen Aspekt stärker hervorzuheben, da er dabei helfen könne, genetische Prozesse in übergreifenden Zusammenhängen darzustellen. Bernhard Appel betont, dass implizite Metatexte sich leider nicht sinnvoll edieren ließen. Man könne sie eher beschreiben und zeigen. Diese deiktische Funktion geschehe durch das Wechselspiel der optischen Verknüpfung von Faksimile und Transkription. Hinzu komme die Anordnung der Variantenabfolge, durch die genetische Vorschläge angeboten würden. Das heißt, unausgesprochen würde durch sie die Chronologie zeigbar und ein Vergleich von Dokument und Transkript herstellbar. Eine Instruktion darüber, wie man mit so einer Edition umgehe – was passiert warum und wo –, werde allerdings dabei meist vermisst. Diese Informationen könnten jedoch in Kommentaren dargestellt werden, die den einzelnen Variantenbildungen hinzugefügt werden sollen.

Für Dietmar Pravida hat sich durch die Impulsreferate herausgestellt, dass allgemein Einigkeit über die Grundannahmen der Textdefinition der Musikwissenschaftler und der Literaturwissenschaftler herrsche, denn beide hätten von der Singularität des Skripturalen und der Idealität des Textuellen zwar mit gewissen Differenzen der Wahrnehmung gesprochen, aber über das, was „Text“ sei, habe große Einigkeit geherrscht. Er habe eigentlich erwartet, dass Musikwissenschaftler einen viel abstrakteren Zugang zum (Noten-)Text haben als Literaturwissenschaftler zum (Sprach-)Text, weil Sprache eigentlich etwas sei, das sich „von selbst versteht“ – Notentext aber nicht (jedenfalls für Literaturwissenschaftler…). Was seiner Meinung nach noch weiterer Klärung bedürfe, sei das Verhältnis von musikwissenschaftlicher und sprachlicher Editorik und des damit einhergehenden Textverständnisses.

Für Almuth Grésillon ist die direkte Gleichsetzung von sprachlichem Text und Musiktext noch problematisch. Sie bezieht sich hierzu auf das bilaterale Zeichenmodell von Ferdinand de Saussure, nach dem Sprachzeichen eine doppelte Ausrichtung haben (signifiant/signifié). Diese zweiseitige Grundeinheit sei in der Musik nicht vorhanden. Es bedürfe außerdem noch der Definition des Unterschiedes zwischen implizitem und explizitem Metatext. Die Metaebene sei jedenfalls für beide Bereiche (Musik und Literatur) wichtig.

Ulrich Konrad wirft ein, dass nach der bisherigen Diskussion und den bisherigen Impulsreferaten ein gewisses Setting an Wörtern im Raum steht, die nicht klar definiert seien: So spreche Gabler von Text und Werk, Appel hingegen nicht von Werk, sondern von Komposition, und beim Musiktext werde immer nur von Notentext gesprochen. Um nicht aneinander vorbeizureden, müssten diese Begriffe erst ganz klar definiert und eingegrenzt werden. Da eine Komposition das Herstellen eines Notentextes bzw. der hergestellte Notentext sei, ist seine Frage, ob bereits eine Skizze ein Notentext sei. Und was sind Skizzen, die nie zu einem Werk werden? Auch diese Begrifflichkeiten sollten seiner Meinung nach noch geklärt werden.

Ulrich Krämer bezieht sich danach auf eine Beobachtung von Hans Walter Gabler, wonach Sprache uneindeutig sei. Dieser Aspekt sei auch für den editorischen Bereich von großer Bedeutung. Ihn interessiert zudem, ob Musik als Sprache genauso uneindeutig sei. Musik unterliege immer einem System, das die Frage nach Fehlern in der Musik anders gestalte als in der Sprache. Hierzu betont Ulrich Konrad jedoch, dass Sprache auch Sprache meine, wenn man allerdings von Musik als Sprache spreche, tue man dies immer metaphorisch. Appel sieht dies wiederum anders, da für ihn jede Versprachlichung von Musik eine Metapher ist. An dieser Stelle der Diskussion kommt er auf den Einwurf von Frau Grésillon zurück und erklärt, dass auch der Notentext eine Metapher sei, wenn man die Entwicklung der Notation betrachte: Notation war früher an verbale Schrift angelehnt, und auch Beschreibungskategorien bzw. Satztechniken orientierten sich an Grammatik und Rhetorik. Die größte Differenz zum Sprachtext sei der Umgang mit Notentexten: Dieser könne nicht in seiner Gesamtheit gelesen werden, sondern nur in Form einzelner Stimmen einer Partitur. Die grafische Musiknotation könne man lesen, imaginieren, analysieren oder als Handlungsanweisung zur Ausführung betrachten.

Gabler bringt in Bezug auf die Uneindeutigkeit von Musik das Beispiel ein, dass japanische Kalligraphierung so gelesen werde, wie geschriebene Musik gelesen wird. Ein wesentliches Element hierbei sei die Performanz, die vernachlässigt werden könne, sobald eine Sprache verstanden wird. Unsere Betrachtung einer Sprache, die wir nicht können, gleiche dem Betrachten eines Notentextes durch jemanden, der keine musikalischen Kenntnisse besitze. Für Dietmar Pravida ist das Verhältnis zum diplomatisch Ideellen von Interesse. Seine Frage ist, ob literarische Texte mit geringerer Metaphorik einfacher zu edieren wären als solche mit höherer Metaphorik? Demnach seien Notentexte noch schwieriger zu edieren bzw. es sei zu fragen, ob es überhaupt sinnvoll ist, Musik wie eine Sprache zu edieren? Appel betont nochmals, dass er von einem sehr materiellen Textbegriff ausgeht, da beim Werkbegriff zu viele Konnotationen mitschwingen. Durch dieses Textverständnis sei eine Skizze genauso eine Komposition wie eine voll entwickelte Sinfonie. Das Beethoven-Projekt solle zudem davon absehen, den Werkbegriff mit einzubeziehen, da dieser auf eine Bewertungsebene führen könne, der die Arbeit am Projekt ausbremsen könne.

William Kinderman würde die Eigenständigkeit des geschriebenen Notentextes nicht zu sehr betonen, da Noten nicht nur lesbar, sondern auch hörbar seien. Ein Beweis dafür, dass Beethoven Musik nicht nur schrieb, sondern auch hörte, sei die Tatsache, dass er sehr viele Abkürzungen verwendete. Das Gemeinte sei also anders als das Geschriebene. Er warnt außerdem vor einer Systematisierung, da es nicht nur um das Gemeinte gehe, sondern um die Kunst, die hörbar und nicht geschrieben sei. Nach Konrad funktioniert diese Theorie aber nicht, da das Hören von Klängen beim Komponieren anders sei als der Sprachklang beim Schreiben. Stelle man sich das geschriebene Wort wirklich gesprochen vor? Zum Abschluss dieses ersten Teils wird festgehalten, dass eine gewisse Unschärfe der Begrifflichkeiten wohl bleiben wird, da es in vielen Aspekten auch um Interpretation gehe.