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Expertengespräch zur genetischen Textkritik im Bereich Musik

Textkategorien in kompositorischen Werkstattdokumenten

von Bernhard R. Appel

Schriftsteller produzieren Literatur, Maler erzeugen Bilder, aber Komponisten hinterlassen keine Musik, sondern Texte. Wir betreiben deshalb genetische Textkritik und keine genetische Musikkritik. Der folgende Abriss beschreibt den Textbegriff und mithin die Basis, auf der die textgenetische Arbeit beruht.

Auszugehen ist von einem materiell fundierten Textbegriff. Alle Eigenschaften, Qualitäten und Aussagen eines vom Komponisten hergestellten Textes beruhen auf evidenten Befunden (in Form von Schreibspuren und kodikologischen Merkmalen, die allesamt vom Komponisten erzeugt worden sind). Ein komponierter Text wird im dreidimensionalen Raum von Dokumenten erzeugt. Dreidimensional deshalb, weil die Textualisierung nicht nur auf der zweidimensionalen Fläche des Papiers in Form einer Niederschrift vollzogen wird, sondern auch in der dritten, räumlichen Dimension des Manuskripts geschieht: Rasuren, die bisweilen Perforationen hinterlassen, Tekturen oder vom Komponisten eingefügte und entfernte Blätter betreffen nicht nur die räumliche Organisation des Textträgers, sondern sind – wie zu zeigen sein wird – selber Kategorien des Textes. Eine Komposition ist in autographen Werkstattdokumenten im doppelten Wortsinn gegenwärtig. Einerseits als hergestellter Notentext, als kreatives Produkt (Komposition im Wortsinn eines nomen qualitatis) und andererseits als Prozess (Komposition im Wortsinn eines nomen actionis). In einer Kompositionshandschrift ist die Diachronie des Kompositionsprozesses in der Synchronie des Kompositionsprodukts gleichsam erstarrt. Während das in einem Werkstattdokument niedergelegte kompositorische Produkt als valider Notentext unmittelbar erfahrbar, d. h. lesbar ist, kann der mit ihm verbundene kompositorische Herstellungsprozess nicht unmittelbar ermittelt werden. Der Prozess kann nur mittelbar, d. h. durch eine Re-Dynamisierung des Produkts erschlossen werden.

In authentischen, handschriftlich erstellten Werkstattdokumenten liegen drei miteinander verschränkte Textkategorien vor, die zum einen komponierte Text-Produkte (Notentexte) und zum andern aber auch Metatexte enthalten, die über den Textualisierungsprozess Auskunft geben:

  • 1. Notentext
  • 2. Expliziter Metatext
  • 3. Impliziter Metatext

1. Notentext

Ein Komponist zielt auf die Erarbeitung eines Notentextes, der – sofern er sich als Werktext erfüllt – als Handlungsanweisung für Musikaufführung dienen kann oder soll. Der Notentext besitzt und erfüllt deshalb notwendigerweise eine kommunikative Funktion. Das Notationssystem ist ein kompositer Verbund von ikonischen Zeichen (musikspezifische Symbole, verbale Schriftzeichen, Ziffern, Abbreviaturen etc.), deren Bedeutung konventionell festgelegt ist. Notentexte aber auch getilgte Notentexte (sofern die Tilgungsmaßnahme den Text noch lesbar lässt) können deshalb unmittelbar gelesen und verstanden werden.

Derartige Notentexte geben jedoch über ihren Entstehungsprozess keine Auskunft. Offenkundig besteht zwischen dem Schreibprozess und dem durch ihn erzeugten Notentext keine parallele Beziehung. Das leuchtet unmittelbar ein, wenn man sich vergegenwärtigt, dass z. B. die Niederschrift einer Klavierpartitur nur in getrennten Arbeitsschritten (z. B. stimmzügig) und nicht etwa synchron verlaufen kann. Auch die bloße Anwesenheit getilgter Textteile innerhalb von Werkstattdokumenten zeigt, dass die Chronologie der Niederschrift (Prozess) nicht identisch mit der Chronologie des kompositorisch erzielten Textablaufs (Produkt) ist. Die Niederschrift einer Komposition verläuft nur im Ausnahmefall glatt und störungsfrei. Oft vermittelt schon die bildhaft-graphische Anmutung einer Kompositionshandschrift die Einsicht, dass die Erarbeitung eines Notentextes mit konzeptionellen Änderungsmaßnahmen verbunden ist. Textverwerfungen, von denen z. B. intensive Streichungen (Textnarben) zeugen, bedürfen besonderer Regulierungs- und Ordnungsmaßnahmen, um gültige Textteile von verworfenen zu trennen und den geplanten Textablauf zu regulieren. Diese regulative Aufgabe erfüllt eine besondere Textkategorie, die wir als explizite Metatexte bezeichnen.

2. Expliziter Metatext

Explizite Metatexte treffen Aussagen („Kommentare“) über einen vorliegenden Notentext, ohne selbst Notentexte zu sein. Für sich isoliert genommen haben explizite Metatexte keine Bedeutung, die gelesen, verstanden oder ediert werden könnte. Bedeutung erhalten sie nur über ihren Kontextbezug. Dem Komponisten steht ein überschaubares Repertoire an metatextlichen Elementen zur Verfügung. Hierzu gehören beispielsweise:

  • Redaktionszeichen (Tilgungs-Striche, Einfügungszeichen etc.)
  • Textwegweiser (z. B. vide-Verweise zur Sicherung von Textzusammenhängen)
  • verbale Anmerkungen (Qualitätsurteile: „gut”, „besser“; Restituierungsanweisungen: „bleibt“, „gilt“; Textclearing: Tonbuchstaben, Kopieranweisungen)
  • Farbe und Farbwerte der kalkuliert eingesetzten Schreibmittel (redaktionelle Signalfunktion des Schreibmittels).

Explizite Metatexte sind dem komponierten Notentext stets zeitlich nachgeordnet und zeigen somit mikrochronologische Relationen zwischen einzelnen Notaten an. Somit liefern explizite Metatexte Anhaltspunkte für Arbeitsprozesse.

Komponierte Notentexte (1) und die auf sie bezogenen expliziten Metatexte (2) besitzen trotz ihrer unterschiedlichen Bedeutungsfunktionen einige gemeinsame Eigenschaften:

Beide werden vom Komponisten absichtsvoll niedergeschrieben, sie erfüllen eine kommunikative Funktion, denn sie sind adressiert (an den Komponisten selbst, an Kopisten, Musiker, Verlagslektoren…) und sie bedienen sich deshalb eines begrenzten Lexikons konventioneller Symbole und Zeichen – weshalb sie (zumeist) eindeutig und zweifelsfrei lesbar und verstehbar sind.

Mit dem Schreibprozess sind jedoch noch weitere materiell erfahrbare Schreib- und Arbeitsspuren verbunden, die wir als implizite Metatexte bezeichnen.

3. Impliziter Metatext

Alle kontingenten Begleiterscheinungen, die vom Komponisten im Zuge seiner kompositorischen Arbeit entstehen und sich als skripturale und kodikologische Merkmale im Werkstattdokument niederschlagen, werden als impliziter Metatext bezeichnet. Diese skripturalen Phänomene sind lesbar, weshalb man sie als eigenständige Textkategorie betrachten kann. Sie besitzen folgende Eigenschaften bzw. Merkmale:

  • Implizite Metatexte sind kausal an die Textualisierung gekoppelt, verfügen über kein konventionelles Zeichensystem, sondern bestehen aus indexikalischen Zeichen (Symptomen), die quantitativ unbegrenzbar sind.
  • Implizite Metatexte sind kontingent, denn sie werden – bezogen auf das erstrebte kompositorische Textziel – „unabsichtlich“, aber dennoch unvermeidbar vom Komponisten selbst erzeugt. Sie haften als unwillkürliche (aber bedeutungsdifferenzierende) Begleiterscheinungen am primären Text (= Noten- und expliziter Metatext) und/oder manifestieren sich als physikalische Merkmale des Textträgers (vom Autor selbst erzeugte oder von ihm veranlasste kodikologische Merkmale).
  • Implizite Metatextelemente sind für sich genommen bedeutungsoffen (aber nicht bedeutungsbeliebig), können jedoch im Kontextbezug als Prozess-Indikatoren interpretiert werden.
  • Implizite Metatexte werden gelesen, indem ihre Bedeutung im Kontextbezug lesend erzeugt wird.

Beispiele für implizite Metatext-Elemente:

  • wechselnde graphische Eigenschaften der Schreibspur (Federstärken, Farbwertdifferenzen)
  • Verschiebungen im Notenuntersatz
  • wechselnde Schreibdichte, Unterschiede des Schreibduktus’
  • Raumordnung von Notaten (regulärer Textfluss, Interpolationen, Beiblatt-Notierungen etc.)
  • kodikologische Besonderheiten des Dokuments, sofern sie vom Komponisten im Zuge der Textproduktion verursacht worden sind: z. B. gewählte bzw. gewechselte Papierformate, Rastralgröße und -anzahl, irreguläre Faszikelstrukturen, Blattstümpfe, Einstichlöcher, aufgeklebte oder aufgenähte Tekturen, Falzungen von Notenblättern, Schreibunfälle (Tintenkleckse), zufälliger Tintenabklatsch, Drôlerien, Kritzeleien …

Skriptur

Die miteinander verschränkte Erscheinungsweise der drei genannten, materiell präsenten Textkategorien bezeichnen wir als Skriptur. Sie ist die evidente graphische und kodikologische Erscheinungsform, in der ein schreibend hergestellter Notentext sich notwendigerweise präsentiert.

In der Skriptur von Werkstattdokumenten sind die drei Textkategorien durch verschiedene Zeichen materiell („objektiv“) gegenwärtig. Sie sind authentisch, weil sie vom Komponisten selbst hergestellt bzw. von ihm veranlasst worden sind. Diese Text-Produkte sind in handschriftlich erzeugten Werkstattdokumenten systemisch miteinander verbunden und können nur gemeinsam auftreten. Durch Deutung der wechselseitigen Bezugnahmen lassen sich mikrochronologische Aussagen über Schreib-Prozesse gewinnen.

Aus diesem materiellen Textbegriff erwachsen für das Forschungsprojekt diverse methodische Konsequenzen, z. B. für die Transkription.