Critique génétique

Die in den 1970er Jahren in Frankreich entwickelte critique génétique befasste sich mit verbalschriftlichen Werkstattdokumenten (z. B. Projektskizzen, Entwürfen, Exzerpten und Arbeitsmanuskripten) und anderen Arbeitsaufzeichnungen (z. B. graphische Schemata, Zeichnungen, Listen), um aus diesen Vorstufen, die einem literarischen oder wissenschaftlichen Werk vorausgesetzt sind (avant-texte), die Arbeitsweise von Autoren (Schriftsteller, Wissenschaftler) zu erforschen. Nicht das Ergebnis oder das eingelöste oder Fragment gebliebene Ziel des Schreibens (das abgeschlossene Werk oder das Werkfragment) ist demnach ihr Gegenstand, sondern der Prozess des Schreibens selbst.
Ihren Namen bekam die neue Disziplin durch den Titel einer Aufsatzsammlung (Essays de critique génétique, Paris 1979), die von der seinerzeit aktiven Forschergruppe herausgegeben worden ist. Mit der 1982 erfolgten Gründung des Institut des Textes et Manuscrits Modernes (ITEM), das am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) in Paris angesiedelt ist, wurde die neue Forschungsrichtung institutionalisiert.
Louis Hay, Gründer des Instituts und bis 1985 dessen Direktor, bezeichnete die „dritte Dimension der Literatur“ als Gegenstand der critique génétique (1984) und betonte damit deren eigenständigen und gleichberechtigten Geltungsanspruch neben Literaturgeschichte und Philologie. In einer Art „Textarchäologie“ werden materielle Aspekte von Textträgern und Schreibstoffen und Besonderheiten von Schreibspuren (Schriftduktus, Schreibraumnutzung, Tekturen etc.) untersucht, um daraus den Arbeitsverlauf eines Projekts zu rekonstruieren, der in einem dossier génétique beschrieben wird. Im methodischen Denken der critique génétique tritt an die Stelle eines strukturalistischen, geschlossenen Textbegriffs die Auffassung vom Text als fließendem, sich in seiner Erzeugung wie auch in seiner Rezeption permanent verändernden produktiven Mediums. In den von den Geneticiens erarbeiteten Editionen werden demzufolge auch keine literarischen „Werke“ vorgelegt, sondern Entstehungsstadien, Zwischenstufen der Textentwicklung (Varianten) ediert, die einem literarischen Vorhaben vorausgegangen sind. Schon früh nutzte die critique génétique sowohl für die editorische Arbeit (Kollation, Variantendarstellung) als auch für die Präsentation von Arbeitsergebnissen digitale Techniken (z. B. Hypertext-Vernetzung, dezentralisierte Textvermittlung).
Die in ihren Anfängen auf Literatur des 19. Jahrhunderts fixierten Forschungsansätze der critique génétique beeinflussten zahlreiche Forschungsdisziplinen, die sich ebenfalls mit kreativen Vorgängen befassen (Theaterinszenierungen, Musikaufführungen, kompositorische Prozesse, Filmproduktion usw.). Der in der Namensbezeichnung der Disziplin critique génétique vermiedene Begriff „Text“ gewann im Nachhinein fast programmatische Bedeutung: Sie versteht sich nicht als textzentrierte, sondern als eine generell an Zeichen gebundene, an Prozessen ausgerichtete Wissenschaft.
Vgl. dagegen das derzeit in Entwicklung begriffene musikphilologische Konzept der genetischen Textkritik, in dem der Notentext eine zentrale Rolle einnimmt.

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