Invarianz

Im Prozess der Variantenbildung bedeutet Invarianz die Beibehaltung bzw. die unveränderte Übernahme von Textelementen, die einer der vorangegangenen Varianten angehören. Das von einer früheren Variante an eine ihr nachfolgende Variante unverändert „vererbte“ Textelement wird als Invariante bezeichnet. Die Bestimmung von Invarianzen wird vornehmlich für analytische Betrachtungen beim Varianten-Vergleich genutzt, denn Invarianz erlaubt es unter anderem, das kompositorische Problem zu identifizieren, das der jeweiligen Variantenbildung zugrunde liegt. In der Invarianz zeigt der Komponist ein bewertendes Auswahlverhalten gegenüber seinem eigenen Variantentext: Bestimmte, für die aktuelle Problemlösung ungeeignete Textelemente werden verworfen, wohingegen mit den invariant beibehaltenen Elementen konstruktiv weitergearbeitet wird. Invarianz gibt Aufschluss über textuelle Entscheidungen und mithin über die Textgenese.

Als Kategorie des Textes manifestiert sich Invarianz im Schreibprozess materiell bzw. skriptural auf zwei verschiedene Arten, entweder 1. integrativ oder 2. abschriftlich:

  1. Ein Textsegment einer bestehenden Variante A wird unverändert in Variante B übernommen und mit neu hinzugeschriebenen Textelementen durch einen Um-Schreibungsprozess verknüpft. Skriptural besteht Variante B demnach aus zwei miteinander kombinierten Schreibeinheiten: aus ausgewählt übernommenen Notationssymbolen einer früheren, in Variante A vorliegenden Schreibschicht und aus hinzugefügten Notationssymbolen einer neuen Schreibschicht. Variante B ist demnach eine skripturale Kombination von zwei Schreibschichten. Wenn sich aufgrund der Um-Schreibung ihre syntaktische bzw. satztechnische Position und mithin ihre musikalische Bedeutung verändert hat, sind die wiederverwendeten Elemente der ersten Schreibschicht nicht automatisch invariant.
  2. Invarianz kann vom Komponisten auch abschriftlich hergestellt werden. Diese Abschrift selektiert und „reaktiviert“ einerseits invariante Textelemente und verwirft andererseits zugleich die als „unbrauchbar“ bewerteten Textelemente ihrer Vorgängervariante A. Eine derartige Auswahlabschrift wird oft durch die skripturale Situation (z. B. erschwerte Lesbarkeit, Platzmangel) ausgelöst, mit dem Ziel, eine sauberere Reinschrift herzustellen. Variante B konstituiert dabei eine eigene, komplett neue Schreibschicht im Unterschied zur integrativen Skriptur, bei der zwei verschiedene Schreibschichten miteinander verknüpft werden. Der als Invarianz bezeichnete Textbefund besagt demnach nichts über seine skriptural verlaufene Genese, sondern etwas über textuelle Identitätsbeziehungen.

Der Umfang der als invariant festgelegten Textelemente hängt größtenteils vom Erkenntnisziel ab. In textgenetischen Invarianz-Analysen ist also ein gewisser Interpretationsspielraum unabdingbar.

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