MEI

MEI bezeichnet als Abkürzung für Music Encoding Initiative einerseits eine Organisation, die aus einem internationalen Zusammenschluss von Forschern besteht, und andererseits zugleich das Ergebnis, das von dieser Forschergemeinschaft erarbeitet worden ist: ein Codierungsformat bzw. einen Codierungsstandard, durch den möglichst alle Erscheinungsformen konventioneller Musiknotation (CMN, Common Western Notation) erfasst werden sollen. Mit dem Standard soll einerseits ein maschineller Zugriff auf die Inhalte von Musiknotation (einschließlich der Möglichkeit zur automatisierbaren Suche, Extraktion und Reorganisation von Daten) verwirklicht, andererseits aber auch ein auf der Auszeichnungssprache XML basierendes Langzeit-Archivformat für musikalische Daten geschaffen werden, das musikalische Inhalte und deren Darstellung strikt voneinander trennt.

Schon der Name des Formats gibt zu erkennen, dass Vorbild sowohl für die Organisation als auch für die Codierungsform das speziell für geisteswissenschaftliche Forschung entwickelte Format der Text Encoding Iniative (TEI) war. TEI und MEI teilen drei wesentliche Gemeinsamkeiten, durch die sie als internationale Codierungsformate für Verbal- bzw. für Musiktexte (musikalische Notation) prädestiniert sind: (1) Sie bedienen sich beide einer plattformunabhängigen Auszeichnungssprache, sind (2) sowohl menschen- als auch maschinenlesbar und können (3) bedarfsweise an besondere Anwendungsfälle angepasst werden, weil sie sich der extensible mark-up language (XML) bedienen. Das Codierungsformat MEI wurde kürzlich von der Library of Congress, Washington in die Liste der empfohlenen Formatspezifikationen aufgenommen und damit in seinem Anspruch auf einen internationalen Standard bestätigt.

Die Entwicklung von MEI wurde 1999 maßgeblich von Perry Roland (University of Virginia, Charlottesville, USA) angeregt und seit 2009 innerhalb eines mehrjährigen DFG/NEH-Projekts, das gemeinsam von der University of Virginia (Perry Roland, Erin Mayhood) und dem Musikwissenschaftlichen Seminar Detmold/Paderborn (Johannes Kepper, Maja Hartwig, Kristina Richts, Joachim Veit) durchgeführt wurde, in ein internationales Community-Projekt überführt, an dem sich seither eine stetig wachsende Zahl von Musikwissenschaftlern, Bibliothekaren, Musikern und Informatikern beteiligt. Das in dieser Community entwickelte Digital Music Notation Data Model und Prototype Delivery System führte im Mai 2010 zur Veröffentlichung eines ersten gemeinsamen Schema-Releases, das in den folgenden Jahren kontinuierlich überarbeitet und erweitert wurde. Im Mai 2013 wurde bei der ersten Internationalen Music Encoding Conference (MEC 2013) an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz das bislang jüngste und umfangreichste Release vorgestellt und zusammen mit einer ausführlichen Dokumentation öffentlich zugänglich gemacht (vgl. http://music-encoding.org/home).

Das MEI-Format ist modular aufgebaut und enthält ein Grundmodul für Common Western Notation sowie Erweiterungsmodule, z. B. zu Neumen oder Mensuralnotation. Neben der ausführlichen Dokumentation des Schemas enthält die MEI-Website eine Einführung in MEI, mehrere Tutorials und eine Beispielsammlung. Ferner finden sich dort Verweise auf Tools, die die Arbeit mit MEI unterstützen (vgl. http://music-encoding.org/tools/; darunter befindet sich z. B. auch das im Beethoven-Projekt benutzte Darstellungstool Verovio). Diese Tools tragen mit dazu bei, dass die Zahl der mit MEI arbeitenden Projekte weltweit wächst und damit zugleich auch Voraussetzungen für neuartige Untersuchungen auf umfangreicheren Datencorpora geschaffen werden. Zugleich schafft MEI Grundlagen für einen auf Musiknotentexte bezogenen Datenaustausch zwischen Archiven, Bibliotheken, öffentlichen oder privaten Sammlungen und der musikwissenschaftlichen Forschung und fördert auch die Arbeit innerhalb interdisziplinärer Forschungszusammenschlüsse, indem z. B. text-, bild- und musikbezogene Dokumente so miteinander in Beziehung gesetzt werden können, dass kulturgeschichtlich komplexe Sachverhalte, die bislang eher einer fachspezifisch verengten und damit isolierten Perspektive unterworfen waren, nunmehr in angemessener Weise gemeinsam dokumentiert werden können.

MEI-Dateien beginnen grundsätzlich mit einem Kopf-Bereich (dem sog. MEI-Header), der die Metadaten (Daten über Daten) zu den im nachfolgenden Music-Bereich erfassten musikalischen Inhalten dokumentiert. Hauptbestandteile der Codierung der Musik selbst sind Elemente und Attribute. Eine einzelne Achtel-Note c’ kann beispielsweise so codiert werden:

<note pname="c" oct="4" dur="8"/>

Dem Element <note> werden dabei entsprechende Attribute (pname = pitchname/Tonhöhe; oct = octave/Oktave, angegeben in der englischen Nomenklatur; dur = duration/Tondauer) zugewiesen.
Einer der großen Vorteile von MEI ist die Möglichkeit, Varianten an Ort und Stelle innerhalb einer Codierung von Musik zu erfassen und sie über die Kennzeichnung als Apparateinträge (mit Lemma oder Lesarten) für eine Auswertung zugänglich zu machen. Zudem können an jeder Stelle der Codierung verbale Annotationen eingefügt werden, die Sachverhalte jenseits maschineller Erfassbarkeit kommentieren.

Beethovens Werkstatt nutzt MEI, um sämtliche Informationen und Inhalte der erfassten Beispiele in komprimierter Form zu speichern. Da die Textgenetik für MEI einen neuen Aspekt darstellt, der bislang kaum berücksichtigt wurde, wird diesbezüglich ein neues, erweiterndes Codierungs-Modell entwickelt, das den Anforderungen des Projekts entspricht. Der so erzeugte Quelltext enthält dabei die genetischen Textinformationen, die Transkription, die wechselseitigen Bezüge der einzelnen Zeichen von der Transkription zu dem digitalen Faksimile, Kommentare, deiktische Hilfestellungen und Quelleninformationen. Auf Grundlage dieser umfassenden Codierung werden dann mit entsprechenden Tools die Informationen automatisch in eine Anzeigeform überführt. Dabei ist z. B. das erwähnte Verovio für die Darstellung der Transkriptionen zuständig.

Beethovens Werkstatt wird innerhalb der MEI-Community zu einer stetigen Weiterentwicklung des Formats im Kontext der Thematik textgenetischer Fragestellungen beitragen, da sich MEI als ein vielversprechender Weg zur Erfassung und neuartigen Vermittlung von Erkenntnissen zur Textgenese erwiesen hat.

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