Mikrochronologie

Unter Mikrochronologie versteht man den zeitlichen Verlauf von kleinen Arbeitsschritten, die vom Komponisten notwendigerweise zur Produktion eines Textes vollzogen werden müssen. Historisch verbürgte, „absolute“ Entstehungsdaten (z. B. das Tagesdatum des Beginns oder der Beendigung einer Komposition) enthalten keine textgenetisch relevanten Informationen. Dagegen beschreibt die Mikrochronologie den relativen zeitlichen Verlauf von Schreibprozessen, ohne konkrete Tagesdaten, geschweige denn minutiöse Uhrzeitangaben anzugeben. Eine mikrochronologische Beschreibung bedient sich ausschließlich relativer zeitlicher Kategorien („früher, später, dazwischenliegend“), die beispielsweise auch in der synoptischen Anordnung von Transkriptionen dargestellt werden können.
Der mikrochronologische Verlauf des Komponierens lässt sich aus einem authentischen Werkstattdokument bzw. aus der Abfolge aufeinander beziehbarer Werkstattdokumente nur mittelbar erschließen. Denn die Skriptur eines Dokuments konserviert die in ihm vollzogenen Schreibakte in statischer, d. h. synchronischer Gleichzeitigkeit, während die Diachronie der Schreibakte, d. h. die Mikrochronologie des Schreibprozesses, der Skriptur nicht unmittelbar zu entnehmen ist. Die Mikrochronologie des Schreibens wird durch die Interpretation von metatextlichen Elementen rekonstruiert. Dabei wird der synchronische Gesamtzustand der Skriptur auf der Basis erkannter Schreibschichten in temporäre Zwischenstadien des Notentextes (TextzustandTextstufe) überführt. Aus der diachronischen Reihung (Synopse) der ermittelten und transkribierten Textzustände (s. Transkription) (die ihrerseits jeweils einen rekonstruierten synchronischen Zwischenzustand darstellen) lässt sich die Mikrochronologie des Schreibprozesses beschreiben.

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