Skriptur

Skriptur bezeichnet die graphisch-bildhafte Erscheinungsform („Schriftbild“) und die gegenständlich-haptischen Eigenschaften eines Dokuments. In der Skriptur materialisieren sich Schreibprozesse. Zur Skriptur gehören alle graphischen Parameter, in denen sich ein handschriftlich erarbeiteter Text dem Leser präsentiert, z.B. die Raumverteilung und Abfolge der Notate auf den Manuskriptseiten (Topographie der Notate) und die individuellen Merkmale der Handschrift des Schreibers/der Schreiber (Zeichenformen, Notenuntersatz, räumliche Dichte der Zeichenfolge, Farben und Farbvarianten der Schreibmittel, Merkmale der Schreibgeräte wie Federbreite, usw.) Zur Skriptur gehören überdies auch die physikalisch-räumlichen, kodikologischen Eigenschaften eines Dokuments, sofern es sich um authentische, mit dem Schreibprozess verbundene Arbeitsspuren handelt: aufgeklebte oder aufgenähte Papierstreifen, Blattstümpfe, die von herausgetrennten Blättern zeugen, Besonderheiten der Faszikelbildung, die mit Austausch- bzw. mit Einlageblättern verbunden sind, Einstichlöcher, die auf Fadenheftungen des Autors zurückgehen etc.
Die Skriptur ist demnach als Summe aller idiographischen Anmutungsqualitäten zu verstehen, in denen ein komponierter Text innerhalb einer Quelle dokumentiert ist. Die in der Skriptur gebündelten und aufeinander bezogenen Phänomene teilen sich durch direktes Zeigen (Deixis), etwa bei einer Autopsie oder der Betrachtung eines Faksimiles, unmittelbar mit. Sie sind als statische Befunde greifbar und werden zur Interpretation von Schreibprozessen herangezogen. Textgenetische Relevanz erhält die Skriptur, weil sie wesentliche Prozessinformationen im Sinne impliziter Metatexte enthält. Skriptur bezeichnet gleichsam das textarchäologische Grabungsfeld der genetischen Textkritik.
Der komponierte Text ist das inhaltliche, kompositorische Produkt, das in der ikonischen, graphischen, „schriftbildlichen“ Skriptur enthalten ist. Beide Kategorien – der Text und seine Einkleidung in der Skriptur – müssen begrifflich streng voneinander getrennt werden, um Produktaussagen von Prozessaussagen zu trennen.

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