Streichung

Das skripturale Phänomen „Streichung“, das in nahezu jeder Musikhandschrift auftritt, betrifft in der Regel einen klar begrenzten Textteil, der durch Gekritzel oder durch eine ordentliche Kanzellierung gelöscht wird. Die explizit metatextliche Maßnahme „Streichung“ darf nicht mit der textgenetischen Maßnahme „Tilgung“ gleichgesetzt werden, denn sie kann verschiedene Auslöser und mithin verschiedene textuelle oder textgenetische Bedeutungen haben. Eine Streichung ist lediglich das unmittelbar wahrnehmbare metatextliche Zeichen für eine irgendwie geartete textuelle Um-Entscheidung. In der folgenden Übersicht sind mögliche textgenetische Bedeutungen des Textbefundes „Streichung“ zusammengestellt:

  1. Spontankorrektur eines Schreibversehens (Ad-hoc-Korrektur): falsch –> richtig
  2. Nachträgliche Textfehler-Berichtigung (Revisionskorrektur): falsch –> richtig
  3. Konzeptionelle Änderung (Variantenbildung): richtig –> richtig
  4. Quittierung eines genutzten Textes: richtig –> erledigt („verbraucht“)
  5. Aufführungspraktische Kürzung („Strich“): richtig –> temporär ungültig
  6. Zensurmaßnahme in Vokalwerken: beabsichtigt –> unterdrückt (richtig –> verfälscht)

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