Variante

Im Zusammenhang mit textgenerierenden Schaffensprozessen versteht man unter einer Variante eine Alternativfassung zu einem bereits bestehenden Textsegment. Jeder Schaffensprozess ist mit konzeptionellen Änderungen und Umentscheidungen, d. h. mit der Bildung von Varianten (Entstehungsvarianten) verbunden. (In der folgenden Begriffserläuterung bleiben Überlieferungsvarianten, die nichts mit dem Schaffensprozess zu tun haben, unberücksichtigt.)
Eine Variante ist ein begrenzter Textabschnitt innerhalb eines oder zwischen mehreren Werkstattdokumenten, der in mindestens zwei voneinander abweichenden Textversionen vorliegt, inhaltlich also mehrfach besetzt ist. Diese Textsegmente stehen in einem Substitutionsverhältnis zueinander, wobei die jeweils jüngste Variante, die ihr vorausgehende Variante für ungültig erklärt. (Der Sonderfall gleichberechtigter, rivalisierender Varianten bleibt hier unberücksichtigt.) Eine Variantenbildung resultiert jeweils aus einem spezifischen kompositorischen Problem, das sie zu lösen sucht. In Werkstattdokumenten wird diese Problemverhaftung äußerlich durch skripturale Indikatoren, wie z. B. Streichungen, Rasuren, Überklebungen, u. ä. sichtbar.
Unter formalen Gesichtspunkten gibt es nur vier Variantentypen: TilgungErsetzungErweiterung und Umstellung. Unter inhaltlichen Gesichtspunkten existieren hingegen so viele Varianten wie es zu lösende kompositorische Probleme gibt.
Varianten sind einerseits – auf der Ebene materieller Befunde, wie Überschreibungen, Einlegeblätter, etc. (siehe auch Textnarben) – konkret fassbare Texterscheinungen und andererseits hermeneutische Konstrukte, wenn sie funktional als Antworten auf kompositorische Probleme gedeutet werden. Dabei ist die befundgestützte Bestimmung der Funktion einer Variante nur innerhalb ihres Textzusammenhangs zu leisten.

Geschlossene/offene Varianten

Ein Kriterium bei der Bestimmung von Varianten ist die Art und Weise ihrer kontextuellen Einbettung. Die Verbindung zwischen Kontext und Variantenbeginn bzw. zwischen Variantenende und Kontext wird als Scharnier bezeichnet. Varianten sind entweder geschlossen oder offen. Eine geschlossene Variante schließt einen Variantenbildungsprozess (s. u.) ab und ist vollständig kontextintegriert, d. h. die Variante schließt mit Beginn und Ende an den sie umgebenden Text an. Zudem sind geschlossene Varianten in Bezug auf die vertikale Ebene vollständig, d. h. alle Stimmen der Partitur sind vollständig ausgeführt. Offene Varianten sind nicht vollständig in einen Kontext integriert. (Sonderfälle sind Varianten am Satz-Anfang oder -Ende.)

Adhoc-/Revisions-Variantenbildungsprozess

Die Bildung von Varianten kann entweder unmittelbar während des Schreibens (adhoc) oder zu einem späteren Zeitpunkt im Zuge einer Revision erfolgen.
Adhoc entstehen Varianten, wenn die kontinuierliche Textualisierung unterbrochen wird, um das zuletzt entstandene, jüngste Textsegment in eine andere Gestalt umzuarbeiten. Ein kompositorisches Problem wird vom Komponisten sofort nach der Niederschrift wahrgenommen und gelöst. Oftmals geben metatextliche Informationen, wie z. B. die Topographie der Notate, Textregulierungsmaßnahmen etc., Auskunft über den Zeitpunkt der Entstehung. Innerhalb von Adhoc-Variantenbildungsprozessen sind alle Varianten bis auf die letztgültige offen, weil ohne Anschluss, da ein folgender Notentext noch nicht vorhanden ist. Die letztgültige, den Adhoc-Variantenbildungsprozess abschließende Variante, die eine verbindliche Problemlösung bietet, ist notwendigerweise geschlossen, da sie durch den sich anschließenden Fortsetzungstext kontextintegriert ist. Ihr Übergang zum weiteren an die Variantenstelle anschließenden Kontext ist nahtlos, sodass hier kein Scharnier definiert werden kann. Alle Varianten eines Adhoc-Variantenbildungsprozesses zeichnen sich also durch ein einziges Kontextscharnier zu Beginn aus (s. Abbildung 1).

Abbildung 1

Abbildung 1: Schematische Darstellung einer Adhoc-Variante.

Revision bedeutet, dass ein bereits vorhandener und als zunächst gültig erachteter, kontextintegrierter Text zu einem späteren Zeitpunkt verändert wird. Ein bereits als abgeschlossen betrachteter Textteil (unterschiedlicher Länge) wird als Ganzes „neu betrachtet“ (re-videre) und vor dem Hintergrund dieser selbstkritischen Lektüre partiell geändert. Auch bei Revisions-Prozessen sind alle Varianten mit Ausnahme der letztgültigen offen. Der Revisions-Prozess als solcher wird vom Komponisten in einem Arbeitsgang durchgeführt, sodass alle Varianten in unmittelbarer Folge entstehen, bis eine letzte gültige erreicht wird. Merkmal eines Revisions-Variantenbildungsprozesses ist das zweite Scharnier am Ende der Variantenstelle, das mit der letztgültigen Variante erreicht wird und den Anschluss an einen bereits existenten Kontext herstellt. Dieses Scharnier kann klar definiert werden (s. Abbildung 2).

Abbildung 2

Abbildung 2: Schematische Darstellung einer Revisions-Variante.

Sprechen wir über Variantenbildung, so sprechen wir über Prozesse (Adhoc/Revision), die sich nur unter Berücksichtigung aller an einer Stelle auftretenden Varianten beschreiben lassen, während Aussagen über formale Eigenschaften (offen/geschlossen) von Varianten das Produkt dieses Prozesses betreffen.

Das folgende Schema veranschaulicht den Variantenbildungsprozess der Textnarbe aus dem Werkstattmanuskript der Klaviersonate op. 111 (S. 14 und 17, BH 71), der sich aus einem Adhoc- und einem Revisionsvariantenbildungsprozess zusammensetzt (s. Abbildung 3).

Abbildung 3: Schematische Darstellung einer Variantenstelle aus dem Werkstattmanuskript der Klaviersonate op. 111 (BH 71).

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