zurück zum Inhaltsverzeichnis
Expertengespräch zur genetischen Textkritik im Bereich Musik

Textwachstum und Variantenbildung 1

von Elisa Novara und Richard Sänger

Komponieren ist eine besondere Art des Schreibens, die graphisch mehrdimensional, vergleichbar dem Zeichnen eines Bildes erfolgt. Schon die Musiknotation weist Bildeigenschaften auf, die sich auch in der musikalischen Nomenklatur widerspiegeln: Wir sprechen z. B. von einem Notenbild. Bei den historischen Reproduktionstechniken von Musiknoten wurden graphische und bildbezogene Verfahren wie z. B. Kupferstich und die Lithographie angewendet, und bei Computer-Notensatz benutzen wir in der Regel kein Textverarbeitungsprogramm sondern ein Graphik-basiertes Interface. 2 Genauso wie in einem gezeichneten Bild überlagern sich auch in einer voll ausgeführten handschriftlichen Partitur die Schreibschichten, die in einer Abfolge aufeinander bezogener und geschichteter Schreibvorgänge entstanden sind. Kann man die Chronologie jedes einzelnen Striches rekonstruieren?

Die Schreibprozesse, die während der Komposition durchlaufen werden, sind im Erscheinungsbild der Skriptur ineinander verschachtelt. Ziel einer textgenetischen Untersuchung ist es aber, die Textentstehung und die Aufeinanderfolge dieser Schichten sowie die damit verbundenen Schreibhandlungen zu rekonstruieren. Dabei hilft ein tieferes Verständnis über die Art und Weise, wie ein musikalischer Text überhaupt „wächst“.

Drei grundsätzliche Formen der Textualisierung

Um die Dynamik dieser Prozesse herzuleiten, unterscheiden wir im Projekt grundsätzlich zwischen drei Grundformen der Textualisierung – und wir meinen mit diesem Begriff das, was auch als Textwachstum oder Textbewegung bezeichnet wird. Diese drei Formen nennen wir: ProgressionInterventionRedaktion. Wir könnten sie in einer etwas abstrakten Form ungefähr wie folgt darstellen:


Abb. 1: Schematische Darstellung der drei Grundformen der Textualisierung.

Die schwarze Linie repräsentiert hier den während der Progression unmittelbar und korrekt niedergeschriebenen Notentext, der in den verschiedenen Arbeitsschritten sowohl durch Interventions-Maßnahmen (hier mit einer bogenförmigen Linie dargestellt) als auch durch redaktionelle Anweisungen (hier beispielsweise mit einer hypothetisch mit Rötel geschriebenen Textsicherungsmaßnahme dargestellt) weiter bearbeitet wird.

Versuchen wir nun diese Formen anhand eines konkreten Beispiels zu erläutern: Unter Progression sind alle Schreibprozeduren zu verstehen, die sich quantitativ niederschlagen, d. h. zu einem „ungestörten“ Textwachstum führen. Es folgt ein digital manipulierter Abschnitt aus dem Arbeitsmanuskript zum Quartett op. 59, Nr. 3, 2. Satz, wo der musikalische Text zunächst in einem regulären, ungestörten Fluss niedergeschrieben wird:


Abb. 2: Digital aufbereitetes Bild aus dem Arbeitsmanuskript von Ludwig van Beethoven, op. 59, Nr. 3, 2. Satz, S. 18, T. 23–35
(D–BNba, BH 62).

Dieser Text, der in einem allmählichen, kontinuierlichen Schreibprozess fixiert worden ist, gibt uns wenig Aufschluss hinsichtlich einer detaillierten Rekonstruktion seiner Entstehung, weil die störungsfreie Niederschrift keine näheren Informationen zur Genese liefert.

Oftmals aber wird solch eine reine Niederschrift vom Komponisten schon in einem seiner nächsten Arbeitsschritte in Frage gestellt. Der vorhandene Text wird dabei erneut betrachtet und gegebenenfalls getilgt und neu formuliert, wie folgendes Beispiel zeigt:


Abb. 3: Digital aufbereitetes Bild aus dem Arbeitsmanuskript von Ludwig van Beethoven, op. 59, Nr. 3, 2. Satz, S. 18, T. 23–33, 34a/D–35a/D, 34b/c, 35b/c
(D–BNba, BH 62).

Diese Form der Textentwicklung bezeichnen wir als Intervention. Sie manifestiert sich in der Skriptur durch verschiedene Maßnahmen, wie Um-Schreibungen, Streichungen oder verbale Anmerkungen. Eine solche Stelle, die mit auffällig vielen Metatexten behaftet ist, bezeichnen wir als Textnarbe.

In der dritten Grundform der Textualisierung, der Redaktion, wird der entstandene, ausgewählte und gültige Text schließlich perfektioniert, quasi „poliert“. Auch diese Phase kann sich in der Skriptur durch explizite Metatexte offenbaren, wie in diesem Fall z. B. durch das Nachzeichen der Bögen mit Rötel, das hier als Textsicherungsmaßnahme gilt (zugleich bestätigt Beethoven am Rand verbal die Gültigkeit der beiden Takte).


Abb. 4: Digital aufbereitetes Bild aus dem Arbeitsmanuskript von Ludwig van Beethoven, op. 59, Nr. 3, 2. Satz, S. 18, T. 23–33, 34a/D–35a/D, 34b/c, 35b/c
(D–BNba, BH 62).

Allerdings können, wie das Beispiel zeigt, alle diese Prozesse mitunter parallel ablaufen und ineinander verschachtelt sein: Beethoven schreibt, streicht, formuliert um und kehrt schließlich wieder zu seiner ersten Niederschrift innerhalb der gleichen Takte zurück. Die Rekonstruktion der grundsätzlichen Schreibvorgänge ist an solchen Stellen nur dank der zahlreich vorhandenen Metatexte möglich.

Tatsächlich lässt sich die reguläre Progression, die sich in einem ungestörten Schreiben manifestiert, ohne Metatexte zu hinterlassen, in der Skriptur nicht feiner ausdifferenzieren und nur in seltenen Fällen in verschiedene Schreibschichten aufteilen.

Textnarben als Erkenntnisquelle

Es scheint paradox: Ungestört entstandener Text im Sinne eines additiven Textwachstums liefert nur in seltenen Ausnahmen textgenetische Erkenntnisse, während unausgereifter Text von Skizzen und Werkstattmanuskripten mit all seinen metatextlichen Spuren, seinen „Abbruchkanten“ und seinem „Weniger“ an Text mehr Informationen über die Textentstehung, über den „skripturalen Weg“ offenbart.

Im Projekt stehen daher zunächst besonders Textnarben im Fokus der Betrachtung, also solche Stellen, an denen Beethoven streicht, überschreibt, einfügt und korrigiert, kurz: an denen er arbeitet, um die durch den Eingriff entstandenen Textwunden zu „heilen“. 3 An eben diesen Punkten ist es möglich, Einblick in Beethovens Arbeitsweisen und Schreibprozesse zu erlangen. Die auffällige Skriptur solcher Takte fällt sofort ins Auge und markiert Problemstellen, die ein sauber niedergeschriebener Notentext nicht zeigt. Die in Textnarben entstandenen Varianten können auf das ihnen zugrundeliegende kompositorische Problem und ihre Lösungen untersucht werden.

Varianten und Variantenbildung

Um Varianten zu beschreiben, muss man sie aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Unter formalen Aspekten lassen sich Varianten unter vier, bereits in der Rhetoriklehre Quintilians benannte Operationen klassifizieren: Streichung – Einfügung – Erweiterung – Umstellung. Inhaltlich gesehen gibt es so viele Varianten wie es kompositorische Probleme gibt. Jede Variante ist individueller Ausdruck einer kompositorischen Lösung, die Beethoven erarbeitet, um eine Melodie weiter auszuarbeiten, einen harmonischen Gang umzusetzen, eine Instrumentierung auszuprobieren etc.

Um Einblick in die Schreibprozesse zu erlangen, ist die Betrachtung des einzelnen Produkts, also jeder Variante für sich, unabdingbar. Besonders interessiert dabei deren kontextuelle Anbindung. Eine geschlossene Variante besitzt zwei Verbindungen, die als Scharniere bezeichnet werden. Je eines befindet sich zwischen Kontext und Variantenbeginn sowie zwischen Variantenende und Kontext. Geschlossene Varianten sind vollständig kontextintegriert, d.h. ihr Beginn und ihr Ende schließen an den sie umgebenden Text an. Offene Varianten haben nur ein Kontextscharnier zu Beginn und sind deshalb nicht vollständig in einen Kontext eingebunden. Geschlossene Varianten funktionieren also wie ein Bindeglied, während offene Varianten abbrechen, keinen Anschluss zum weiteren Textverlauf herstellen und oftmals auch noch unvollständig ausnotiert sind.

Neben der Offen- und Geschlossenheit wird untersucht, ob Varianten unmittelbar während des Schreibens (adhoc) oder innerhalb von Revisionen zu einem späteren Zeitpunkt entstanden sind. In Adhoc-Variantenbildungsprozessen wird ein kompositorisches Problem vom Komponisten sofort wahrgenommen und gelöst. In diesen Prozessen sind alle Varianten zwangsläufig offen, weil ohne Anschluss, da ein folgender Notentext noch nicht vorhanden ist. Nur die letztgültige und somit den Adhoc-Variantenbildungsprozess abschließende Variante, die eine verbindliche Problemlösung bietet, ist notwendigerweise geschlossen, da sie durch den sich anschließenden Fortsetzungstext kontextintegriert ist. Innerhalb von Revisions-Prozessen können sowohl offene als auch geschlossene Varianten auftreten.

Die Unterscheidung in Adhoc- und Revisions-Variantenbildungsprozess kann nur im Variantenkontext getroffen werden, wobei immer alle an einer Textnarbe entstandenen Varianten und nie nur eine einzelne Variante betrachtet werden muss. Für die Unterscheidung in offene oder geschlossene Variante spielen die umliegenden Varianten hingegen keine Rolle.

Ein Schema zur Darstellung von Variantenbildung

Um solche mitunter sehr komplexen und vielschichtigen Stellen der Variantenentstehung anschaulich darzustellen, hat das Projekt Beethovens Werkstatt ein Strukturschema entwickelt, das die oben genannten Kriterien zur Klassifizierung von Varianten abbildet. Anhand des im Projekt bearbeiteten Beispiels aus Beethovens Werkstatthandschrift zur Klaviersonate op. 111 (D-BNba, BH 71) können die Möglichkeiten des Schemas gut veranschaulicht werden, da es sich dabei um eine Textnarbe handelt, die von Beethoven sowohl adhoc als auch im Zuge einer Revision bearbeitet wurde. Leicht kann so die Anzahl der erzeugten Varianten, deren Charakter (offen/geschlossen) und der zugrundeliegende Prozess (Adhoc/Revision), in dem die Varianten erzeugt wurden, vermittelt werden. Auch die Abfolge der beiden zu verschiedenen Zeitpunkten erfolgten Prozesse vermag die Darstellung mitzuteilen.

Das Schema besteht aus drei Elementen: 1) Varianten (horizontale Linien) 2) Kontext (gestrichelte Linien) und 3) Scharnieren (Kreise). Der Textverlauf erfolgt auf der horizontalen Ebene von links nach rechts, wobei in der Darstellung der Textnarbe die Varianten auf vertikaler Ebene von oben nach unten untereinander angeordnet werden, was einer synoptischen Variantendarstellung entspricht. Offene Varianten laufen an ihrem Ende ins Leere. Geschlossene Varianten hingegen schließen über ein Scharnier an den weiteren Kontext an.

Anhand der Kontextintegrierung der letztgültig erreichten Variante, die den jeweiligen Variantenbildungsprozess abschließt, kann erkannt werden, ob die Varianten adhoc oder im Zuge einer Revision gebildet wurden. Schließt der weitere Kontextverlauf auf der gleichen vertikalen Ebene an wie die letztgültige Variante, handelt es sich um eine Adhoc-Variantenbildung (s. Abbildung 5). Der Kontext wird im Schreibprozess erst formuliert, sobald eine kompositorische Lösung gefunden wurde.


Abb. 5: Schematische Darstellung eines Adhoc-Variantenbildungsprozesses.

Bei Revisions-Variantenbildung, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass ein weiterer Kontext schon bei Beginn der Variantenbildung vorhanden war, befindet sich der nach der letztgültigen Variante anschließende Kontext auf der gleichen vertikalen Ebene wie der vordere (s. Abbildung 6). Die neuen Varianten bis hin zur letzten werden dann unterhalb des ursprünglichen Textverlaufs angeordnet.


Abb. 6: Schematische Darstellung eines Revisions-Variantenbildungsprozesses.

In der Textnarbe auf S. 14 und 17 des Werkstattmanuskripts der Klaviersonate op. 111 treffen Adhoc- und Revisionsvariantenbildungsprozesse aufeinander.

Beethoven bildete an dieser Stelle zunächst während des Schreibens (adhoc) mehrere Varianten, bevor er mit einer fünften Variante einen gültigen Zustand erreichte. Zu einem späteren Zeitpunkt im Zuge einer Revision kam Beethoven nochmals auf die Stelle zurück und erarbeitete drei weitere Varianten, die aufgrund des Platzmangels auf S. 17 am Ende des Manuskripts ausgelagert sind. Über zwei Verweise, „Vi=de“ und durchkreuzte Kreise, integrierte Beethoven diese Stelle in den Kontext auf S. 14.

Die schematische Darstellung dieser Textnarbe vermag neben der Abfolge und Anzahl der Varianten deren Kontextintegriertheit (offen/geschlossen) sowie den hinter der Variantenbildung stehenden Prozess (Adhoc/Revision) zu zeigen (s. Abbildung 7).


Abb. 7: Schematische Darstellung der Variantenbildung der im Projekt untersuchten Textnarbe im Autograph der Klaviersonate op. 111 (S. 14 und 17, D-BNba, BH 71).

Das Schema bleibt dabei aber immer Ergebnis der textgenetischen Untersuchungen und kann nur dabei helfen, die erarbeiteten Erkenntnisse zu vermitteln. Ob die von Beethovens Werkstatt bis hierhin entwickelten und im Projekt benutzten Begriffe ausreichend sind, um Variantenstellen vollständig zu beschreiben, bleibt zu explorieren.

Progressionsformen der Textualisierung im Partituraufbau

Es gibt allerdings Fälle, die sich mit diesem Schema nicht erfassen lassen, weil die Progression innerhalb der Textualisierung und die Chronologie der Schreibschichten nur begrenzt rekonstruierbar sind. Das ist zum Beispiel im Arbeitsmanuskript zur Messe C-Dur op. 86 zu beobachten, wo das Textwachstum in Kombination mit Partituraufbau und Variantenbildung verläuft. Hier sind Progression und Intervention so ineinander verschachtelt, dass man sie nicht mehr voneinander trennen kann.

Fragen, die für die Textgenese bedeutsam sind, wie z. B.: in welcher Reihenfolge kommen die Varianten zustande oder wie kann man die mikrochronologische Position einer Variante innerhalb des Schreibprozesses bestimmen, können im Fall der Ausarbeitung des musikalischen Textes in einer Orchester-Partitur kaum beantwortet werden.

Vereinfacht gesagt, kann man die gesamte Textentwicklung als eine chronologisch geordnete Abfolge mehrerer Textzustände begreifen, wobei der Text verschiedene Reifegrade durchläuft. Denn im Verlauf kompositorischer Arbeitsprozesse verändert ein komponierter Text permanent seine Gestalt. Handschriftliche Werkstattdokumente offenbaren aber nicht die zeitliche Dynamik dieses Gestaltwandels, sondern lassen nur einen oder mehrere statisch abgestufte Zwischen- oder End-Zustände eines Textes erkennen. Die interne Chronologie dieser Textschichtungsvorgänge ist mittels textgenetischer Methoden nur begrenzt wahrnehmbar, beispielsweise durch den Vergleich über eine Abfolge von Textstufen. Innerhalb der Vervollständigung einer handschriftlichen Partitur mit beispielsweise 16 Systemen potenzieren sich die strukturellen Verknüpfungsmöglichkeiten von Varianten mit ihrer simultanen Anzahl an ein und derselben Textposition.

Die Textualisierungs-Form der Progression, die scheinbar leicht zu erkennen ist, stellt uns also vor die kompliziertesten Aufgaben: Die Mikrochronologie kann in dem folgenden Beispiel aus der Messe C-Dur op. 86 nicht eindeutig und lückenlos rekonstruiert werden, da man keine sicheren Aussagen darüber treffen kann, wann und in welcher Reihenfolge die Umformulierungen bzw. die Vervollständigung der einzelnen Textsegmente erfolgte.

Betrachten wir nun die letzten zwei Takte der besagten Stelle im Manuskript; die Partitur ist in italienischer Partituranordnung (Violine I oben) geschrieben:


Abb. 8: Ludwig van Beethoven, op. 86, Gloria, S. 43, T. 63–66
(D-BNba, BH 68).

Hatte Beethoven die Blasinstrumente (ab der 4. Notenzeile von oben) bereits niedergeschrieben, als er dieses Textsegment in der Viola-Stimme in T. 65–66 revidiert hat? Wie weit war die Partitur zu diesem Zeitpunkt schon ausgeführt? Ist das Durchstreichen der Singstimme im Chorsatz in den beiden genannten Takten eine Reaktion auf die Umformulierungen der Streichinstrumente? Oder umgekehrt? Wie kann man in diesem Prozess Aktion und Reaktion des Schreibens und Revidierens erkennen?

Versucht man die Schreibschichten in eine idealtypische Rekonstruktion der Arbeitsschritte zu ordnen, so würde uns die Erfahrung folgendes vorschlagen:

  • die Chorstimmen wurden als erstes in der Partitur niedergeschrieben;
  • diese wurden dann mit einer Basslinie versehen;
  • in den nächsten Schritten wurden die Violine und die Viola und
  • als letztes die Blasinstrumente hinzugefügt.

Aber auch wenn man diese Arbeitsphasen isoliert, bleiben Fragen nach der jeweiligen Vervollständigung und den jeweils verschiedenen Textscharnieren bestehen: Wie weit hatte Beethoven die Chorstimmen schon umformuliert, als er die Violastimme veränderte? Kann man die anderen Varianten, die auf der Seite noch zu sehen sind, völlig ausblenden und nicht in die Rekonstruktion der Textnarbe miteinbeziehen? Sind in diesem Fall die beiden Seiten recto und verso unser Kontext-Scharnier? Ab welcher Textebene kann man versuchen, die Chronologie zu rekonstruieren?

Die Frage, wie das Projekt Beethovens Werkstatt mit solchen Beispielen umgehen soll, die an Erkenntnisgrenzen stoßen, ist zurzeit noch unbeantwortet. Weitere Untersuchungen und Analysen solcher Textstellen sowie die Erprobung von Darstellungsmöglichkeiten sind geplant. Vermutlich werden uns nicht zuletzt die Möglichkeiten der Analyse durch Tintenuntersuchung in solchen Beispielen in Zukunft sehr weiter helfen.

Die Einteilung dieses Beitrages folgt der mündlichen Präsentation: Die ersten und letzten Abschnitte des Textes (Drei grundsätzliche Formen der Textualisierung und Progressionsformen der Textualisierung im Partituraufbau) wurden von Elisa Novara und die andere Abschnitte (Textnarben als Erkenntnisquelle, Varianten und Variantenbildung und Ein Schema zur Darstellung von Variantenbildung) von Richard Sänger verfasst.
Zu den graphischen und bildbezogenen Eigenschaften der Musiknotation siehe Bernhard R. Appel, Musik als komponierter Text. Reflexionen über den Gegenstand und Methoden der critique génétique von Musikwerken, Referat im Rahmen des Kolloquiums Genèses musicales. Méthodes et Enjeux, 22.–23. Mai 2008, Paris, in englischer Übersetzung veröffentlicht als: Music as composed text. Reflections on the content and method of the critique génétique of musical works, in: Genèses musicales, hg. von Nicolas Donin, Almuth Grésillon u. Jean-Louis Lebrave, Paris 2015, S. 35–44.
Der Begriff „Textnarbe“ ist die in Beethovens Werkstatt gewählte bildhafte Bezeichnung für eine graphisch auffällige Zone innerhalb eines Manuskriptes, in der die reguläre Textentwicklung durch Variantenbildung „verletzt“ und „geheilt“ wird. Allein optisch stechen solche Stellen durch Streichungen, Überklebungen, Verweise, usw. heraus.