Überblick

Im Rahmen des Forschungsprojekts Beethovens Werkstatt sollen erstmals umfassende theoretische Konzepte der genetischen Textkritik in Bezug auf Musikwerke erarbeitet werden. Dazu sollen nach Möglichkeit die kompositorischen Schreibprozesse sowohl innerhalb einzelner Arbeitsmanuskripte als auch in der Abfolge aufeinander beziehbarer Werkstatthandschriften rekonstruiert werden, um so Aufschluss über Beethovens kompositorisches Denken, Handeln und Entscheiden zu erlangen. Die Ausgangshypothese ist dabei, dass komponierendes Schreiben und Denken identisch sind. Die Forschungsergebnisse und die ihnen zugrunde liegenden Quellendokumente sollen digital präsentiert werden.

Die musikbezogene genetische Textkritik wurzelt einerseits in der musikalischen Skizzenforschung und hat andererseits methodische und theoretische Impulse der literarisch ausgerichteten critique génétique aufgegriffen, die in den 1970er Jahren in Frankreich begründet worden ist. Im Bereich der Musik beschäftigt sich die genetische Textkritik mit kompositorischen Denk- und Arbeitsprozessen. Sie versucht, mithilfe verschiedener Werkstattdokumente (Skizzen, Entwürfe, Arbeitsmanuskripte) die Entstehung einer Komposition zu rekonstruieren.

Die außergewöhnlich reiche Überlieferung von Werkstattmanuskripten Beethovens bietet dazu gute Voraussetzungen. Informationen zum Entstehungsprozess eines Werks liefern die in Beethovens Handschriften enthaltenen Metatexte, die den eigentlichen Haupttext, die Komposition, quasi nebenbei begleiten. Noten­ und explizite Metatexte erfüllen eine kommunikative Aufgabe und benutzen daher konventionelle, auch für die Nachwelt les­- und verstehbare Zeichen. Jenseits dieser dezidiert formulierten Botschaften geben implizite Metatexte (z.B. wechseln­de Intensität der Tintenfarbe, Anordnung der Notate im Schreibraum, etc.) u.a. Auskunft über die relative Chronolo­gie einzelner Notate (also den Arbeitsprozess). Derartige, an der Schreibspur haftende Informationen basieren nicht auf konventi­onellen Zeichen, sondern sind Indizien, die interpretiert werden müssen. Die mit dem Schaffensprozess eines Werks verbundene Textbewegung vollzieht sich aber nicht nur innerhalb der einzel­nen Handschrift, sondern auch in der Aufeinanderfolge verschiedener Manuskripte (wie Skizzen, Werkniederschriften, Überprüfte Abschriften) bis hin zur Druckausgabe. Die genetische Textkritik rekonstruiert diese Zeitlichkeit des Schaffensprozesses. Die zu beobachtenden Textbewegungen las­sen sich dabei mit den Möglichkeiten der Digitalen Edition auf Ba­sis von Edirom Online nachzeichnen – einerseits als Visualisierung mit Hilfe von Retuschen oder Einfärbungen im Faksimile, andererseits als formalisierte Erfassung der mikrochro­nologischen Zusammenhänge im Datenformat der Music Enco­ding Initiative (MEI).

Ein maßgeblicher Bestandteil des Projekts ist somit die digitale Aufbereitung der textgenetischen Ergebnisse. Um die Textbewegungen zu veranschaulichen und nachvollziehbar zu machen, ist eine digitale Edition das angemessene und bestens geeignete Vermittlungsmedium. Sie erlaubt neben der vollständigen, einschränkungslosen Präsentation aller verfügbaren Quellen (Faksimiles) auch deren editorische Aufarbeitung in einer Form, in der erstmals die Zeitlichkeit kompositorischer Arbeitsprozesse dokumentiert und visuell vermittelt werden kann. Um dieses Ziel zu erreichen, ist die (Weiter-)Entwicklung von Modellen und Konzepten zur Codierung sämtlicher editorisch relevanter Materialien und der zwischen ihnen bestehenden Zusammenhänge notwendig. In Anlehnung an ein Modell zur Codierung von textgenetischen Prozessen der Text Encoding Initiative (TEI) wird in Beethovens Werkstatt ein Codierungsmodell im Rahmen der Music Encoding Initiative (MEI) erarbeitet. Die zu entwickelnden Methoden der genetischen Textkritik und die digitalen editorischen Präsentationsformen sollen auf die Überlieferungen anderer Komponisten übertragbar sein.

Das auf 16 Jahre angelegte Projekt ist eine Kooperation des Beethoven-Hauses Bonn und des Musikwissenschaftlichen Seminars Detmold/Paderborn und wird von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz gefördert. Das Forschungsvorhaben ist in verschiedene, aufeinander aufbauende Module untergliedert. (Vgl. Susanne Cox, Maja Hartwig, Richard Sänger: Beethovens Werkstatt – Genetische Textkritik und Digitale Musikedition. Projektvorstellung, in: Forum Musikbibliothek 36 (2015), Heft 2).