Genetische Textkritik

Genetische Textkritik ist eine Teildisziplin der Musikphilologie, die einerseits in der seit ca. 1860 betriebenen musikalischen Skizzenforschung wurzelt und die andererseits methodische und theoretische Impulse der vornehmlich literarisch ausgerichteten critique génétique aufgegriffen hat, die in den 1970er Jahren in Frankreich begründet worden ist.

Ziel der Genetischen Textkritik ist die Erforschung kompositorischer Arbeits- und Denkprozesse – der Genese von Kompositionen. Im Unterschied zur Editionsphilologie, die auf die Konstitution eines aufführbaren Werktextes ausgerichtet ist, nimmt die Genetische Textkritik den Herstellungsprozess, die allmähliche Verfertigung musikalischer Gedanken beim Schreiben in den Blick (s. Appel 2003). Die Ausgangshypothese lautet, dass komponierendes Schreiben mit kompositorischem Denken identisch ist. Komponierendes Schreiben ist nicht bloß die konservierende Niederschrift musikalischer Einfälle, sondern findet als Dialog zwischen Schreiben und (Wieder-)Lesen des Geschriebenen statt. Forschungsgrundlagen genetischer Untersuchungen sind authentische, vornehmlich handschriftliche Werkstattdokumente, die einer spezifischen Textkritik unterzogen werden. Kompositorische Denk- und Arbeitsprozesse sind durch den Vergleich von Werkstattdokumenten (Skizzen, Entwürfe, Arbeitsmanuskripte, Abschriften, Druckfahnen, autorisierte Druckausgaben etc.) jedoch nicht unmittelbar erkennbar, da deren Skriptur bzw. graphische Erscheinungsform lediglich die kompositorisch erzielten, quasi statischen textuellen (Zwischen-)Produkte konserviert, aber nicht den jeweils dorthin führenden dynamischen Prozess unmittelbar offenbart. Genetische Textkritik gewinnt erst über die Redynamisierung divergierender textueller, „statischer“ Zwischenstufen Einsichten über die ihnen zugrundeliegenden Schreib- und Schaffensprozesse.
Handschriftliche Werkstattdokumente enthalten einerseits Notentexte in unterschiedlichen Reifezuständen und andererseits skripturale Merkmale, die untrennbar mit dem Schreibvorgang verbunden sind. Die Genetische Textkritik trennt diese beiden Erscheinungsformen der Komposition (Produkt und Prozess) voneinander und setzt sie zugleich miteinander in Beziehung: Verschiedene, aufeinanderfolgende textuelle Stadien (Textschichten, Textstufen) werden rekonstruiert und in eine mikrochronologische Abfolge gebracht, und schließlich die zwischen diesen temporären textuellen Zwischenprodukten bestehenden Differenzen hinsichtlich der ihnen zugrundeliegenden und sie verbindenden Schreibprozesse interpretiert. Die beiden, hier getrennt genannten Arbeitsschritte, durch die eine, allerdings nur selten vollständig mögliche Rekonstruktion der Schreib- und Arbeitsprozesse angestrebt wird, sind in der textgenetischen Praxis zirkulär miteinander verzahnt: Die Rekonstruktion und mikrochronologische Abfolge von Textschichten und -stufen beruht auf der Interpretation expliziter und impliziter Metatexte, und die Deutung impliziter Metatexte bedarf vice versa der rekonstruierenden Trennung von Textschichten und -stufen.
Während eine kalligraphische Niederschrift oder schematische Abschrift eines Notentextes keine Auskunft über den ihn generierenden Schreibprozess geben kann, enthalten Textnarben, die durch Variantenbildungen entstanden sind, viele Hinweise auf Arbeitsweisen und Schreibstrategien. Da eine Variante ein spezifisches kompositorisches Problem anzeigt und die Textnarbe, in die sie eingebettet ist, in der Regel sowohl die textuelle Lösung des Problems als auch den dorthin führenden Lösungsweg einschließt, erfordert die textgenetische Analyse einen multiperspektivischen Zugang. Ausgehend von der Materialität des Schreibens wird die jeweilige Schreiboperation, d. h. die Manufaktur des Schreibens in den Blick genommen. Dabei wird zunächst nicht nach Inhalt, Struktur und Bedeutung des schreibend erzeugten Textes, sondern nach dessen manuellem Herstellungsweg (Fort-, Über-, Um-Schreibung, Schreibschicht, Streichung) und nach der damit verbundenen Topographie (lineare oder extralineare Niederschrift) gefragt. Damit verbunden ist die Untersuchung unterschiedlicher Textoperationen, anhand derer die Textentwicklung erkennbar wird. Die Textentwicklung (Textualisierung) verläuft einerseits regulär durch kontinuierlichen Zuwachs weiterer Textelemente (Progression) und andererseits diskontinuierlich durch selbstkritisch motivierte Änderungsmaßnahmen an bereits erzielten Textergebnissen (Intervention). Eine textuelle Intervention erweist sich entweder als Korrektur (Berichtigung eines Textfehlers) oder als Variante (Ersetzung eines prinzipiell richtigen Textsegments durch ein anderes). In der Realität des Komponierens sind beide Formen der Textentwicklung derart ineinander verwoben, dass eine eindeutige Trennung von Progression und Intervention nicht immer zweifelsfrei möglich ist.

Durch Induktion, den Schluss von mehreren untersuchten Einzelfällen auf eine tendenzielle Regelhaftigkeit, erwartet die Genetische Textkritik generalisierbare Erkenntnisse über die Arbeitsweise und -routinen eines Komponisten. Sie bietet aber keinesfalls praktische Anleitungen zum Komponieren.
Die handwerkliche Dimension des Komponierens – was durch die Bezeichnung unseres Forschungsprojektes „Beethovens Werkstatt“ zum Ausdruck gebracht wird – erfordert aufgrund ihrer multiperspektivischen Arbeitsweise eine flexible, versatile Editionsform, die nur im Digitalen zu verwirklichen ist. Denn die verstehende Erschließung komplizierter Skripturen bedarf einer Komplexitätsreduktion: Ein und dieselbe Struktur wird in einzelne Aspekte zerlegt und unter verschiedenen Perspektiven dargestellt, beschrieben und interpretiert. Die obligatorische Rückkoppelung textgenetischer Interpretationen (z. B. durch Transkriptionen) an Quellenbefunde folgt einem deiktischen Prinzip, dem Zeigen.

Genetische Textkritik findet ihre Erkenntnisgrenzen an den quantitativen und qualitativen Beschränkungen der jeweils verfügbaren materiellen Überlieferung (Anzahl zugänglicher Werkstattdokumente, Geschlossenheit der Überlieferung, Lesbarkeit der Handschriften etc.). In der Regel bleibt das Verstehen fragmentarisch und dringt nur dort in die Tiefe, wo die Schreibspuren in einem Manuskript bzw. die Beziehungen zwischen mehreren Überlieferungsträgern besonders reichhaltig und erschließbar sind und sekundäre Zeugnisse (z. B. Briefe, Tagebuchnotizen, zeitgenössische Zeugnisse etc.) zusätzlichen Aufschluss über kompositorische Entstehungswege geben. Neue Techniken und Methoden kodikologischer Erschließung (z. B. Tintenanalysen, opto-elektronische Trennung überlagerter Schreibschichten) mögen in Zukunft dabei helfen, Schreiboperationen und mithin die Textgenese mikrochronologisch genauer zu bestimmen.

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