Augenvariante

Augenvarianten sind graphisch bzw. orthographisch alternative Notierungsformen ein und desselben kompositorischen Sachverhalts.
So können beispielsweise vier Achtelnoten durch vier Fähnchen oder als zwei Zweierbalken gruppiert sein oder unter einem gemeinsamen Viererbalken zusammengefasst werden. Tonrepetitionen von Achteln, Sechzehnteln oder kleineren Werten können auch durch Kürzel (sog. Faulenzer) dargestellt werden. Dabei wird die Repetitionsdauer summarisch durch größere Notenwerte (Viertel, Halbe, Ganze) angezeigt und der jeweils erforderliche Wert der repetierten Note durch Strichlein durch den Notenhals bzw. Querstriche über der Note angegeben (ein Querstrich: Achtel; zwei Querstriche: Sechzehntel etc.). Ebenso können ausnotierte stereotype Tonwechselfiguren alternativ durch sog. Brillen dargestellt werden. Gegenüber ausnotierten Textsegmenten besitzen derartige Abbreviaturen einige Vorzüge: Sie reduzieren die Schreiber- bzw. Stecherarbeiten, ersparen Schreibraum und/oder optimieren die Lesbarkeit des Notentextes.
Lassen sich derartige Augenvarianten mehr oder weniger plausibel auf (schreib- und lese-)ökonomische Gründe zurückführen, so folgen andere Augenvarianten oft keiner erkennbaren Logik. Beispielsweise kann die Kombination von Halte- und Legatobogen girlandenförmig gereiht oder überlagert sein. Die Behalsungsrichtung einer im Einzelsystem geführten Stimme kann quasi beliebig erfolgen, ohne die Bedeutung des Stimmenverlaufs zu ändern. Die reguläre Balkung von zwei Noten hat dieselbe Bedeutung wie der graphisch alternative Kniebalken. Dynamische oder agogische Angaben können über oder alternativ unter den zugehörigen Noten platziert werden usw.
Obwohl graphische bzw. orthographische Unterschiede manchmal rein zufällig sind, unterliegen sie (in der editorischen, textkonstitutiven Arbeit) einer gewissen regulativen Ästhetik des Schriftbildes. Hinsichtlich ihrer aufführungspraktisch eingelösten Klanglichkeit bezeichnen sie jedoch keine Bedeutungsunterschiede.
Nicht jede Notierungsalternative darf jedoch automatisch als bedeutungsidentische Augenvariante bewertet werden. So kann beispielsweise die Balkengruppierung von Noten einen Hinweis auf die erforderliche Bogenführung (Aufstrich vs. Abstrich) geben, also die Aufführungspraxis lenken. Die lesend rezipierte kompositorische Struktur bleibt aber auch bei alternativen Notierungsformen bedeutungsgleich.
Jenseits von strukturellen oder aufführungspraktischen Aspekten, nämlich bei der philologischen Bestimmung von Quellenabhängigkeiten (Filiation) können Augenvarianten als aussagestarke (wenn auch nicht immer absolut verlässliche) Indikatoren herangezogen werden.

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