Lesart

Die bedeutungstragende Zeichensequenz eines begrenzten, „kleinen“ Textsegments bezeichnet man als Lesart. Der Begriff wird in vergleichender Weise gebraucht, um auf abweichende Zeichensequenzen, die zwischen aufeinander beziehbaren Textquellen an gleicher taktmetrischer oder syntaktischer Position vorliegen, Bezug zu nehmen.
Eine Lesart gibt Auskunft darüber, auf welche Art und Weise eine bestimmte Textstelle innerhalb einer bestimmten Quelle zu lesen ist, besagt jedoch nichts darüber, ob die Textstelle aufgrund ihrer Genese variant (Variante), durch überlieferungsgeschichtliche Eingriffe zwar sinnhaft, jedoch nicht autorisiert verändert worden oder gar fehlerhaft ist. Der Verweis auf eine Lesart gibt demnach auch keine Auskunft über den Urheber des Textunterschieds. Auf diesen vergleichenden und ansonsten offenen Begriffsgebrauch verweist auch die im edlex vorgeschlagene Definition: Lesart meint eine „gegenüber einem Bezugstextstück anderslautende Textstelle geringeren Umfangs, die im Verlauf der Genese des Textes bzw. Werkes und/oder im Laufe seiner Überlieferungsgeschichte entstanden ist.“ (Rüdiger Nutt-Kofoth: Variante, edlex.de 27.6.2017 17:32). Auch Georg Feder weist darauf hin, dass zwischen „Lesart“ und „Variante“ kein klarer Bedeutungsunterschied besteht: „Beschränken sich die Verschiedenheiten auf einzelne Noten oder kleine Notengruppen, spricht man von Varianten und Lesarten: von Varianten eher dann, wenn sie vom Komponisten, von Lesarten, wenn sie von anderen Personen herbeigeführt worden sind, sei es absichtlich oder unabsichtlich, oder wenn es unklar ist, auf wen sie zurückgehen.“ (Georg Feder: Einführung in die Musikphilologie, Darmstadt 1987, S. 57f.)

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