Tintenabklatsch

Ein Tintenabklatsch ist ein Rückstand von Tinte von einer anderen Seite, der durch das Aneinanderlegen der beiden Blätter vor dem Trocknen der Tinte entsteht. Es ist zu unterscheiden zwischen dem Abklatsch von Schrift sowie dem Abklatsch einzelner größerer Tintenflecken, die unbeabsichtigt im Kontext des Schreibprozesses auf das Papier gelangt sind. Ist dieser Abklatsch beim Beschreiben bereits gebundener Blätter entstanden, so befindet er sich auf der gegenüberliegenden Seite und hilft im Falle einer getrennten Überlieferung einzelner Bögen oder Blätter bei der Wiederherstellung der ursprünglichen Lagenordnung und damit bei der Rekonstruktion von Skizzenbüchern. Finden sich komplementäre Tintenflecken auf Seiten, die nicht mehr aneinander liegen, so deutet dieser Befund darauf hin, dass die dazwischen liegenden Seiten erst während oder nach dem Schreibprozess eingefügt wurden. Zu beachten ist jedoch, dass auch bei bereits getrockneter Tinte sowie Rötel und Kreide ein Abrieb der Farbpigmente möglich ist, der wiederum nicht zwangsläufig einen Beweis für die Reihenfolge der Seiten während des Schreibprozesses darstellt. Ein Tintenabklatsch kann nicht nur kodikologische Zusammenhänge belegen, sondern auch als skripturaler Indikator zur Bestimmung der Textgenese herangezogen werden: Weicht z. B. die Skriptur einem Tintenklecks aus, so ist das Notat zeitlich erst nach jenem Notat entstanden, das den Klecks ausgelöst hat.

LR
Version 1.0.0


Johnson, Douglas, Alan Tyson, Robert Winter: The Beethoven Sketchbooks. History, Reconstruction, Inventory, hg. von Douglas Johnson, Oxford 1985, S. 62f.