Textnarbe

Bildhafte Bezeichnung aus dem zur Skriptur gehörenden Begriffsrepertoire für eine graphisch auffällige Zone innerhalb einer Handschrift. Sie zeigt an, dass hier der reguläre Textfluss (Progression) durch Interventionen gleichsam „verletzt“ und zumeist auch „geheilt“ ist. Aufgrund von Streichungen, Überklebungen, Verweiszeichen, Nota-bene-Hinweisen, Marginal-Marken usw. springen derartige Textstellen sofort ins Auge. Textnarben zeigen Variantenbildungen, Korrekturmaßnahmen oder auch den Abbruch eines Fragments an. Textnarben finden sich gelegentlich auch in gedruckten Korrekturexemplaren oder in Fahnen von Musikaliendrucken. Für textgenetische Untersuchungen sind Textnarben aufschlussreiche Erkenntniszonen, aus denen Einsichten über Schaffensprozesse zu gewinnen sind.

  1. Textnarben sind Indikatoren von Problemen, die sich im Zuge der Textualisierung ergaben. Sie zeigen ein spezifisches kompositorisches Problem an, das an der „vernarbten“ Textpassage eingetreten ist und das zumeist an Ort und Stelle oder in unmittelbarer Schreibumgebung durch Variantenbildung zugleich auch „geheilt“ wird. Vergleicht man die erste getilgte Variante mit nachfolgenden Alternativen bzw. der letzten gültigen Variante, durch die das Textproblem gelöst worden ist, so wird häufig die Problemkonstellation erkennbar, die kompositorisch zu lösen war.
  2. Als Phänomene des Metatexts sind Textnarben Indikatoren kompositorischer Suchbewegungen. Beethoven, der seinen mentalen Arbeitsplatz als laboratorium artificiosum bezeichnet hat, verhält sich als skizzierender und problemlösender Komponist ähnlich wie ein Naturwissenschaftler, der auf Notizzetteln, in Kladden, Listen und Tabellen seine Versuche aufzeichnet, um eine bestimmte Aufgabe bzw. ein Problem zu lösen. So gesehen ist problemlösendes Schreiben, wie es sich in Skizzen, Entwürfen und in den an Textnarben so reichen Arbeitsmanuskripten kundgibt, erkenntnisschaffendes (epistemisches) Schreiben. Was der Wissenschaftshistoriker und Molekularbiologe Hans-Jörg Rheinberger mit Bezug auf naturwissenschaftliche Notierungspraktiken beschreibt, gilt prinzipiell auch für einen Komponisten:
    „Ein Versuch […] ist kein Text, keine Prüfung. Er ist eine Bewegung des Erkundens, ein Spiel mit möglichen Stellungen, ein offenes Arrangement“ (Hans-Jörg Rheinberger, Zettelwirtschaft, in: Sandro Zanetti (Hrsg.), Schreiben als Kulturtechnik. Grundlagentexte, Frankfurt/M 2012, S. 441–452, hier: S. 445).
  3. Textnarben liefern Anhaltspunkte für den zeitlichen Verlauf des komponierenden Schreibens, das identisch ist mit schreibendem Komponieren. Die graphischen Narben-Phänomene – Überlagerung, Verschachtelung bzw. Reihung verworfener Varianten, verschobener Notenuntersatz, die Topographie der Einzelnoten und der Gebrauch von Einfügungs- und Verweiszeichen etc. – sind Indikatoren für die zeitliche Abfolge einzelner Schreib-Ereignisse. Diese expliziten Anzeiger und impliziten Fährten der Textherstellung lassen sich als Metatexte lesen; sie geben Auskunft über den mikrochronologischen Verlauf von Schreibprozessen. Drei miteinander verknüpfte, bzw. sich überlagernde Varianten lassen sich in eine zweifelsfreie mikrochronologische Ordnung bringen (erste – mittlere – letzte), sofern getilgte Texte entzifferbar sind. Je mehr Schreibschichten einander überlagern, je opaker die Streichungsvorgänge sind, umso schwieriger, unsicherer oder gar aussichtsloser wird die Redynamisierung. Die genetische Textkritik verfolgt nicht den falschen Ehrgeiz, alle Schreibsituationen und komplexen Textzeugnisse entschlüsseln und erklären zu wollen. In nicht wenigen Fällen wird sie kapitulieren müssen. (Vielleicht liefern opto-elektronische Werkzeuge, zerstörungsfreie Methoden der Materialanalyse und optische Schichtaufnahmen zukünftig Verfahren, welche die Erschließungstiefe textgenetischer Untersuchung fördern.) Vielmehr geht es darum, möglichst viele lösbare Fälle zu analysieren, die in unterschiedlichen Konstellationen von Textzeugen aber auch von Personen (Kopisten, Stecher, Musiker) und Gattungszusammenhängen, lebensgeschichtlichen Situationen, erwachsen sind. Aus der Summe vieler Analysen von mikrohistorischen Schreibprozessen lassen sich verallgemeinernde Feststellungen über den Ablauf kompositorischer Denk- und Arbeitsprozesse ableiten. Textgenetische Arbeit liefert zugleich beides: Erkenntnisse über kompositorisches Denken und Arbeiten sowie spezifische Begriffswerkzeuge und digitale Darstellungsmethoden.
    Durch systematischen Vergleich genetischer Textnarben-Befunde in ein und demselben Satz bzw. werkübergreifend zwischen vielen Sätzen kann deutlich werden, ob es bevorzugte Stolperstellen gibt, die für einen Komponisten charakteristisch sind.
  4. Unvollständig ausgeführte Varianten, Entwürfe, Skizzen oder Fragmente fransen an ihren Enden manchmal auf charakteristische Weise aus, so dass man die Reihenfolge, in der die einzelnen Stimmen niedergeschrieben worden sind, erkennen kann.

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