Deixis

Innerhalb textgenetischer Darstellungsweisen dient Deixis (griech. δείκνυμι, „zeigen“) der direkten, nonverbalen Erkenntnisvermittlung, indem ein Befund und seine Deutung durch bloßes Zeigen miteinander verknüpft werden. Deiktisch bedeutet „von der unmittelbaren Anschauung ausgehend.“ Diese unmittelbare Anschauung wird z. B. durch die synoptische Präsentation von Faksimile und Transkription ermöglicht, wobei die Korrespondenz zwischen Faksimile-Befund und dessen in einer Transkription vorgenommenen Deutung durch farbliche Hervorhebungen im Faksimile hergestellt wird. Auch die synoptische, entstehungschronologische Anordnung korrespondierender Varianten ist eine deiktische Vermittlungsform. Ebenso bedient sich die Darstellung von Varianz und Invarianz der Deixis: Auch hier werden korrespondierende bzw. voneinander abweichende Textelemente mittels Einfärbung von Notenzeichen erzielt. Weitere deiktische Hilfsmittel sind Farbwertabstufungen von Texten, Grauhinterlegung, Hinweispfeile und ähnliches, die alle jeweils hinweisende bzw. zeigende Funktionen erfüllen.
Als genetische Darstellungsmethode erweist sich Deixis aus mehreren Gründen als vorteilhaft: (1) sie stellt zwischen Befund und Deutung eine unmittelbare (evidente) Beziehung her, (2) sie vermeidet wortreiche verbale Beschreibungen von Sachverhalten, denn diese sind latent von Missverständnissen bedroht, weil sie vom Leser erst wieder in einen Befund rückübersetzt werden müssen, (3) sie hebt aus komplexen skripturalen, d. h. schwer entzifferbaren Textdokumenten einen jeweils gemeinten Sachverhalt eindeutig hervor.
Deixis ist ein methodisches Leitprinzip der genetischen Textkritik innerhalb des Projekts Beethovens Werkstatt. Es entbindet den Leser jedoch nicht von einer kritischen Überprüfung des Aufgezeigten, denn eine in diesem Sinne ‚zeigende‘ Einfärbung eines Befundes im Faksimile beispielsweise ist nicht nur ein Hinweis auf ein Faktum, sondern schafft selber ein Faktum, das zu kritikloser Akzeptanz verleiten könnte.

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