Syntaktische Position

Unter einer syntaktischen Position verstehen wir die strukturelle Einbettungssituation eines einzelnen Notationselements oder eines größeren, abgegrenzt definierten Textsegments in einen gegebenen Notentext. Diese Einbettung kann durch eine präzise Ortsangabe angezeigt werden. Sie erfolgt über drei Textkoordinaten, wohingegen die taktmetrische Positionsangabe auf zwei Koordinaten angewiesen ist. Angaben zur syntaktischen Position finden sich beispielsweise in herkömmlichen Lesartenverzeichnissen, um textkritische Anmerkungen eindeutig zu referenzieren:
(1) Taktzähler
(2) Stimme
(3) Zählzeit bzw. metrische Position innerhalb des Taktes
(z. B. in der Formulierung zusammengefasst: Takt 12, 1. Violine, 3. Zählzeit oder: … 2. bis 3. Zählzeit oder: … 8. Notenzeichen.)
Als Terminus der genetischen Textkritik beschränkt sich eine Angabe zur syntaktischen Position jedoch nicht nur auf eine präzise Ortsbestimmung innerhalb eines abgeschlossenen Werktextes, eines Entwurfs oder einer Skizze. Sie ist immer und untrennbar auch an ein dort vorfindliches Notenzeichen oder an ein größeres Textsegment gekoppelt und somit in einen Kontext (die Syntax) eingebettet, weshalb die Bezugnahme auf eine syntaktische Position zugleich eine semantische Bestimmung des Notationselements einschließt. Die Bedeutung eines Noten- oder Pausenzeichens ergibt sich aus seiner Stellung im komponierten Textgewebe (Textur). Kontextuell nicht verortbare Notenzeichen, z. B. vereinzelte, zusammenhanglose Notenzeichen, sind bedeutungsoffen, wenn nicht sogar bedeutungsleer. In einer Komposition dagegen ist jedes Notationselement durch seine syntaktische Position mehrdimensional situiert und erhält dadurch seine strukturelle, semantische Bedeutung. Es ist einerseits Teil eines linearen Zusammenhangs (Melodie, Motiv, Thema oder ein Gliederungselement in Form von Pausen), denn es ist zwischen einem vorangehenden und einem nachfolgenden Notenzeichen eingebettet. Die vor Beginn und nach Beendigung einer Komposition „implizit notierte Pause“ ist als ein terminierender Faktor dieser Zeichensequenz zu betrachten. Zugleich steht ein Notenzeichen als harmonisches bzw. kontrapunktisches Funktionselement (z. B. als Grundton, Terz, Quinte, Septime, Vorhalt, Durchgangsnote) in einem vertikalen Kontext. Die syntaktische Position bezieht sich demnach nicht nur auf die Syntax im engen Sinne einer linearen Zeichenverkettung, sondern partizipiert zugleich an vertikalen, harmonischen Strukturen.
Weitere, hochkomplexe, mehrdimensionale Sinnzusammenhänge bzw. Bedeutungsanreicherungen ergeben sich aus der durch Vergleich ermittelbaren Korrespondenz von syntaktischen Positionen, wenn Notationselemente, insbesondere Textsegmente (z. B. Motive) mit satzinternen Parallelstellen in Verbindung stehen oder satzübergreifende, zyklische Bezüge aufweisen.
Das kompositorische Denken wird durch die genannte mehrdimensionale Funktionsbindung der Notenzeichen gelenkt und bestimmt. Zwar kann der Komponist zwangsläufig immer nur ein einzelnes Notenzeichen (oder einen graphemischen Teil davon) schreiben, doch fixiert er damit immer mehrere Sinndimensionen seines Notentextes. Der kompositorische Gebrauch primärer Notensymbole (primäre Notation) ist nicht nur mit Angaben zu Tonhöhe und -dauer, sondern an eine präzise syntaktische Positionierung in der Partitur gebunden. In diesem Sinne ist die syntaktische Position ein unverzichtbarer und zugleich variabler Parameter eines kompositorisch gebrauchten Notenzeichens. Die durch den Schreibprozess erfolgende Platzierung eines Notationselements in einer Partitur ist eine syntaktische Positionierung im Sinne einer Bedeutungszuweisung.

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