Klaviersonate B-Dur op. 106

Datierung/Entstehung

Beethoven skizzierte die dem Erzherzog Rudolph gewidmete B-Dur Klaviersonate op. 106 zwischen Winter 1817 und Sommer 1818. Zwar sind zahlreiche dieser Skizzen überliefert, allerdings ist ein großer Teil mit dem verschollenen Skizzenbuch „Boldrini“ verloren gegangen.[1] Offenbar hatte Beethoven für die Komposition nur Taschenskizzenbücher und kein Schreibtischskizzenbuch benutzt [2] – was für ein inhaltlich derart komplexes und quantitativ umfangreiches Werk merkwürdig erscheint. Die Sonate erschien im September 1819 bei Artaria in Wien und im Dezember 1819 bei The Regent´s Harmonic Institution in London.

Schon im Mai 1818 versuchte Beethoven, die Sonate (zusammen mit der Quintettbearbeitung op. 104) durch seinen ehemaligen Schüler Ferdinand Ries in London zu verkaufen. Beethoven vertraute Ries das ganze Vorgehen an: „Ich überlaße ihnen alles“, schrieb er ihm in diesem ersten Brief.[3] Ries kümmerte sich sofort um einen Verleger und bat im Dezember 1818 um Zusendung der Werke, was Beethoven vermutlich im Januar 1819 schnell erledigte.[4] 

Am 3. März 1819 sandte Beethoven Erzherzog Rudolph sein eigenhändiges Autograph der ersten zwei Sätze der Klaviersonate. Er kündigte an, dass noch „2 andere“ folgen würden, „wovon das letztere ein großes Fugato, so daß es eine große Sonate aus macht, welche nun bald erscheinen wird“[5]. Wenige Tage später, am 8. März 1819, sandte Beethoven Ferdinand Ries eine Liste der „vieleicht vorkommende[n] Fehler in den Stimmen von dem Quintette“ op. 104, und bemerkte zusätzlich: „in der Sonate [op. 106] müßen sich schrecklich viele Fehler befinden, künftigen Postag erhalten sie das verzeichniß, alles wurde geschwinde geschrieben, mein Copist schlemmer wird schon alt, ein armer Teufel […].“[6]

Leider sind sowohl Beethovens Autograph als auch die Stichvorlagen zu Op. 106 verschollen. Überliefert ist aber das angekündigte „verzeichniß“, das Beethoven am 19. März an Ries sandte. Es handelt sich um ein Revisionsdokument, in dem Beethoven etwa 114 Textstellen korrigierte.[7] Ries konnte die Fehler vor dem Stich korrigieren, so dass – bis auf einige Ausnahmen – Beethovens Korrektur in der Ausgabe berücksichtigt wurde. 

Kurz vor der Drucklegung sandte Beethoven einen weiteren Brief an Ries mit den Metronomzahlen sowie mit der Anweisung, dass ein ganzer Takt am Anfang des III. Satzes noch eingeschaltet werden müsse.[8] Offensichtlich war der Stich noch nicht fertig, denn auch dieser nachträglich hinzugefügte Takt konnte in der Ausgabe berücksichtigt werden. 

Drucklegung

Wiener Ausgabe

In Wien erschien die Sonate bei Artaria & Comp. im September 1819; der Verlag erhielt die Stichvorlage zwischen März und Juni 1819. Beethoven korrigierte die ersten Fahnen und schickte sie am 24. Juli an den Verlag zurück: „Beyliegend übersende ich die Correcturen und glaube ich fehlerfrey“.[9] Die Ausgabe erschien mit einem französischen und einem deutschen Titel: einmal als „Grande Sonate pour le Piano-Forte“ und einmal als „Große Sonate für das Hammerklavier“, mit den gleichen Stichplatten gestochen. Grund dafür dürfte wohl Beethovens Fixierung auf die deutsche Bezeichnung „Hammerklavier“ gewesen sein, die er in mehreren Briefen besonders hervorhebt.[10]

Londoner Ausgabe

Die Londoner Ausgabe wurde im Dezember 1819 von The Regent’s Harmonic Institution gedruckt. Ferdinand Ries kümmerte sich um den Korrekturprozess sowie um die Drucklegung.[11] Die Londoner Ausgabe erschien ohne Opuszahl,[12] in zwei Teilen, und in einer abweichenden Reihenfolge der Sätze: der erste Teil – Grand Sonata for the Piano Forte – enthält die ersten drei Sätze (I. Allegro; III. Adagio sostenuto; II. Scherzo, assai vivace); der zweite Teil – Introduction & Fugue – enthält den IV. Satz (Largo – Allegro risoluto). Beethoven hatte Ries in einem Brief von 19. März 1819 freie Wahl angeboten darüber, mit welchen Sätzen und in welcher Reihenfolge die Sonate in die Londoner Ausgabe erscheinen sollte. [13] Wie Tyson bereits feststellte, ist die Londoner Erstausgabe ohne Widmung an Erzherzog Rudolph erschienen.[14] 

Ausgangs- und Zieldokument

Außer Skizzen und Fehlerverzeichnissen sind alle handschriftlichen Textzeugen zur Klaviersonate op. 106 verschollen: die Ausgangsdokumente, von denen der Revisionsprozess ausgeht, sind nicht überliefert. Bei den verlorenen Zeugnissen handelt es sich um die Stichvorlage für London [Ausgangsdokument A] und um die Stichvorlage für Wien [Ausgangsdokument B]. Möglicherweise wurden beide Dokumente zunächst voneinander abgeschrieben; dann ging eine Stichvorlage (vermutlich von der Hand von Beethovens Kopisten Wenzel Schlemmer) nach London, und die andere (von einem anderen unbekannten Kopisten, von der Kopie von Schlemmer abgeschrieben) blieb in Wien bei Beethoven für Korrektur und Stich der Wiener Ausgabe. Ob die zwei Ausgangsdokumente in gleicher Weise fehlerhaft gewesen sind, ist nicht mehr zu ermitteln.

Da die Korrekturlisten einmal von Beethoven und einmal von Ferdinand Ries ausgeführt worden sind, spielt in diesem Fall das Zieldokument eine wichtige Rolle. Durch den Vergleich der Wiener Ausgabe (Zieldokument A) mit der Londoner Ausgabe (Zieldokument B) kann man indirekt Beethovens und Ries‘ Texteingriffe und Korrekturen miteinander vergleichen. Durch die Feststellung der invarianten Textteile kann man außerdem versuchen, den stabilen Text der ursprünglichen Ausgangsdokumente annäherungsweise zu rekonstruieren und somit die stabilen Teile eines nicht überlieferten Ausgangstexts zu ermitteln.

Revisionsdokumente

Zur Klaviersonate op. 106 sind drei Revisionsdokumente überliefert: 

  1. Revisionsdokument A (BGA 1295): Die oben erwähnte Liste innerhalb des Briefes an Ferdinand Ries – in drei Standorte aufgeteilt (vgl. unten den Abschnitt „Quellen“).
  2. Revisionsdokument B (BGA 1309): Beethoven kommuniziert damit die Metronomangaben an Ries und die Hinzufügung eines Taktes am Anfang des 3. Satzes.
  3. Revisionsdokument B1: Ein Bleistiftnotat mit einem ähnlichen Inhalt wie das Revisionsdokument B. Möglicherweise für Artaria bestimmt (vgl. SV 313). 

Beethoven selbst beschreibt in seinem beiliegenden Brief an Ries (zu Revisionsdokument A), dass er die Fehler beim Durchspielen der in Wien gebliebenen Abschrift der Sonate bemerkt habe: „unbegreiflich ist es mir wie sich in die Abschrift der Sonate so viele Fehler einfinden konnten, die Eile mag mit schuld haben, u. daß der Copist sie nicht selbst sondern von einem andern Copiren ließe, erst beim durchspielen des hiesigen abgeschriebenen Exemplars fanden sich die Fehler, manche sind auch vieleicht früher corrigirt worden“.[15]

Auslöser der Korrektur war also offensichtlich eine „Klangprobe“ des Komponisten selbst. Das Revisionsdokument umfasst 114 Monita, die vor allem fehlende oder falsche Auflösungszeichen betreffen, aber auch Veränderungen der Tonhöhen, Pausen und Notenwerte enthalten. Beethoven, der zu dieser Zeit die schon nach London gesandte Stichvorlage [Ausgangsdokument A] nicht mehr bei sich hatte, trägt in dieser Liste nur die Fehler, die er in der in Wien gebliebenen Abschrift [Ausgangsdokument B] gefunden hat, ein und vermutet, dass die gleichen Fehler auch in der Londoner Abschrift vorhanden sein könnten. Es ist unwahrscheinlich, dass Beethoven die Abschrift mit seinem eigenen Autograph vergleichen konnte, da dieses sich vermutlich bereits im Besitz des Erzherzog Rudolphs befand. Die Monita beziehen sich also auf die in Wien gebliebene und von Beethoven am Klavier geprüfte Abschrift.

Beethovens Monita

In seinem für Ferdinand Ries erstellten Revisionsverzeichnis (Revisionsdokument A) vermerkt Beethoven 114 Stellen in der Klaviersonate, die in der Londoner Stichvorlage möglicherweise korrigiert werden sollten. Die Liste folgt der Aufeinanderfolge der Sätze der Wiener Edition (von Satz I bis IV). Leider ist der Anfang der Liste verschollen, so dass die Monita erst mit T. 178 beginnen. In dieser Liste sind insgesamt sieben Monita für den I. Satz, sechzehn für den II., vierzig für den III., und achtundvierzig für den IV. Satz aufgeführt. Die Mehrzahl der monierten Stellen betrifft ausgelassene Akzidenzien, die entweder zu schriftbildlichen Verbesserungen oder zu Korrekturen führen. Die Monita werden in der Wiener und in der Londoner Ausgabe teils unterschiedlich umgesetzt. Vor allem werden die von Beethoven geforderten Warnungsakzidenzien in der Londoner Ausgabe nur teilweise oder gar nicht umgesetzt, dagegen in der Wiener Ausgabe bis auf wenige Stellen vollständig. Dass die Warnungsakzidenzien in der Wiener anders als in der Londoner Ausgabe notiert werden, ist sicherlich auf eine damalige unterschiedliche Notierungspraxis in London und in Wien zurückzuführen und nicht etwa auf die Nachlässigkeit Ries‘. 

In einigen Fällen führt die von Beethoven gewollte Umsetzung der Monita zu Folgefehlern. Besonders im IV. Satz, bei den gehaltenen Noten unter den Trillern in den Takten 117 bis 127 konzentrieren sich einige Monita, die zu Folgefehlern führen. Beethovens Monita betreffen hier die Verlängerung der Triller; dabei vergisst er aber im Notenbeispiel des Revisionsdokuments entweder den Haltebogen (Monitum 87, T. 118) oder das Akzidens (Monitum 88, T. 118–119) dazu zu notieren. In beiden Fällen wurde der Fehler im Kontextzitat nur in der Londoner Ausgabe korrigiert; dagegen wurde im Fall von Monitum 89 (T. 121–122) der Fehler nur in der Wiener Ausgabe korrigiert. 

Bei den beiden anderen Revisionsdokumenten B und B1 handelt es sich um zwei weitere Quellen zum Revisionsprozess. Mit dem ersten Dokument (Revisionsdokument B) teilte Beethoven die Metronomzahlen nach Mälzel’s Metronom mit und forderte gleichzeitig die Hinzufügung eines ganzen Taktes am Anfang des III. Satzes (Revisionsdokument B, Monitum 3). Im zweiten Dokument (Revisionsdokument B1) ist ein Bleistiftnotat überliefert, mit dem Beethoven die Hinzufügung des Taktes am Anfang des Scherzos anordnet (Revisionsdokument B1, Monitum 1). 

Zur digitalen Darstellung 

Die für die Klaviersonate op. 106 überlieferten drei Revisionsdokumente (A, B und B1) werden im Dossier jeweils in einer eigenen komparativen Ansicht dargestellt, da sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten von Beethoven erstellt worden sind. 

In der Listenansicht der VideApp-rev können 24 ausgewählte Monita aus dem Revisionsdokument A interaktiv konsultiert werden.

Die Erschließung aller Monita im Revisionsdokument A nach den für das Modul 3 innerhalb des Projektes entwickelten Begrifflichkeiten (Ortsangabe, Textoperation, Klassifizierung, Änderungsimperativ) ist in der Monita-Übersicht (Revisionsdokument A) festgehalten. Um die unterschiedliche Umsetzung der Änderungsimperative zwischen beiden Ausgaben zu untersuchen, wird in dieser Übersicht auch zusätzlich der Vergleich mit der Wiener Ausgabe angeboten. 

Quellen

Elisa Novara

Literatur

– John W. Grubbs, A Beethoven Letter, in: The Library Chronicle of the University of Texas at Austin 1974, Nr. 7. 

– Norbert Gertsch, „Ludwig van Beethovens „Hammerklavier“-Sonate op. 106. Bemerkungen zur Datierung und Bewertung der Quellen“, in: Bonner Beethoven-Studien, Band 2, 2001, S. 63–93. 

– Douglas Johnson, Alan Tyson, Robert Winter, The Beethoven Sketchbooks. History, Reconstruction, Inventory, Oxford 1985, S. 535–538.

Ludwig van Beethoven. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis (LvBWV), Band 1, bearbeitet von Kurt Dorfmüller, Norbert Gertsch u. Julia Ronge. Unter Mitarbeit von Gertraut Haberkamp und dem Beethoven-Haus Bonn. Revidierte und wesentlich erweiterte Neuausgabe des Verzeichnisses von Georg Kinsky und Hans Halm, München 2014.

– Nicholas Marston, „Approaching the Sketches for Beethoven’s „Hammerklavier“ Sonata“, in: Journal of the American Musicological Society, Vol. 44, No. 3 (Autumn, 1991), S. 404–450.

– Gustav Nottebohm, Zweite Beethoveniana, Leipzig 1887, S. 123–137 und 349–255.

– Ernesto Paolone, L’originale autografo della lettera del 16 aprile 1819 di L. van Beethoven inviata a F. Ries, con le indicazioni metronomiche della „Hammerklavier-Sonata“ op. 106, in: Nuova Rivista Musicale Italiana 15 (1981), S. 190–193.

– Alan Tyson, „The Hammerklavier Sonata and its English editions“, in: The Musical Times 103 (1962), S. 235ff. und von demselben „The Authentic English Editions of Beethoven“, London 1963, S. 102ff.


[1] Ein Teil davon wurde schon im Jahr 1887 von Nottebohm transkribiert und datiert. Die Skizzen wurden von Johnson, Tyson, Winter als einer der „problematischen“ Fälle besprochen, und kürzlich wurden sie eingehend von Nicholas Marston untersucht. Vgl. Nottebohm 1887, S. 123–137 und 349–355; Johnson, Tyson, Winter 1985, S. 535–538, und Marston 1991.

[2] Johnson, Tyson, Winter, S. 535, sowie Marston, S. 406.

[3] BGA 1258, ca. 19. Mai 1818.

[4] Vgl. BGA 1285.

[5] BGA 1292.

[6] BGA 1294.

[7] BGA 1295.

[8] BGA 1309.

[9] BGA 1317.

[10] Vgl. BGA 1065, 1068, 1071. Siehe ausführlich zur Drucklegung von Op. 106 Norbert Gertsch, „Ludwig van Beethovens „Hammerklavier“-Sonate op. 106. Bemerkungen zur Datierung und Bewertung der Quellen“, in: Bonner Beethoven-Studien, Band 2, 2001, S. 63–93.

[11] Vgl. ausführlich dazu Alan Tyson, „The Hammerklavier Sonata and its English Editions“, in: The Musical Times 103 (1962), S. 235ff. und von demselben „The Authentic English Editions of Beethoven“, London 1963, S. 102ff.

[12] Eine zweite Edition, ca. Anfang 1820 erschienen, trägt die Opuszahl sowie die Bezeichnung 1. und 2. Teil. Vgl. dazu Tyson 1963, S. 102.

[13] Vgl. BGA 1295 („sie können auch das Largo auslaßen u. gleich bey der Fuge [folgt Notenbeispiel] das letzte Stück anfangen, oder das erste Stück alsdenn das Adagio u. zum 3-ten das Scherzo u. No 4 sammt largo u. Allo risoluto ganz weglaßen, oder sie n[ehme]n nur das erste Stück u. Scherzo als [ganze Sonate]. Ich überlasse ihnen dieses, wie sie e[s] am besten finden.

[14] Vgl. Tyson 1963, S. 102.

[15] Vgl. BGA 1295.