Diplomatische Transkription

Die in den 1950er Jahren im Bonner Beethoven-Archiv praktizierte diplomatische Transkription, die auf ein „objektives“, d. h. zeichengetreues und topographisch getreues „lesbares Faksimile“ abzielt und sich zusätzlicher Deutungen von Textbefunden enthält, ja nicht einmal textuelle Mehrdeutigkeiten auflöst, wurde scharf kritisiert (u. a. von Robert Winter in seiner Rezension zur Edition des Wittgenstein-Skizzenbuchs von Joseph Schmidt-Görg, in: Journal of the American Musicological Society 28, Heft 1 (1975), S. 135–138): Die scheinbare Objektivität der diplomatischen Transkription trennt weder die Bedeutungsebenen der Notate, noch löst sie textliche Ambiguitäten auf oder klärt die Textgenese. Die Deutung des transkribierten Textes wird vielmehr an den Leser delegiert, der mit dieser Aufgabe überfordert ist, sofern er über keine hinreichende Lese- und Deutungskompetenz im Umgang mit Handschriften verfügt. Trotz scheinhafter Objektivität ist der Erkenntniswert einer diplomatischen Transkription gering, vor allem dann, wenn ihr – wie in der Anfangsphase der Bonner Skizzenbuch-Editionen – aus Kostengründen kein Faksimile beigegeben ist, anhand dessen die Transkription überprüft werden könnte.
Dennoch besitzt die diplomatische Transkription einen nicht zu unterschätzenden heuristischen Wert: Als vorläufige, ganz auf den skripturalen Befund fixierte „Transliteration“ individueller, schwer lesbarer Zeichen in eine leichter überschaubare Zeichenform schafft sie die Grundlage für eine befundorientierte Deutung des Notats. Auf eine derartige – allerdings nicht für eine Veröffentlichung bestimmte – Transliteration folgt die interpretierende „Transkription“, d. h. die Übersetzung des Notats in einen editorisch erschlossenen, sinnvollen und damit publikationswürdigen Text.
In der critique génétique wird vorwiegend die diplomatische Transkription genutzt, weil diese die topographische Anordnung des Originals beibehält. Es wird aber betont, dass der Vergleich mit dem Original stets gewährleistet sein sollte. Die Orientierung der Transkription an der Topographie des Originals erleichtert beim Vergleich mit dem Faksimile die Orientierung.
Die Wahl des editorisch genutzten Transkriptionsformats wird sowohl durch die Befundlage als auch durch das textgenetische Erkenntnisinteresse bestimmt (siehe Cleartext-Transkription, annotierte Transkription).

BRA, SC
Version 1.0.0