Erweiterung

Eine Erweiterung ist (1) eine von vier Grundoperationen der Textintervention. Zugleich bezeichnet Erweiterung (2) einen von vier Variantentypen. Demnach besitzt der Begriff Erweiterung ebenso wie die übrigen drei Bezeichnungen für Textoperationen (Tilgung, Ersetzung, Umstellung) eine Doppelbedeutung: Wird er als nomen actionis gebraucht, bezeichnet er einen Prozess (Textoperation); als nomen qualitatis bezeichnet er dagegen das durch diesen Prozess erzielte Ergebnis, ein Produkt (Variantentypus). Die vier genannten Textoperationen resp. Variantentypen lassen sich unter dem strukturalistischen Oberbegriff Substitution zusammenfassen.
Innerhalb der Werkgenese vergrößert eine Erweiterung den Gesamtumfang des Werktextes, weil ein neues Partitursegment in den vorhandenen Text eingeschoben wird: Das erweiternde Partitursegment (A) tritt quasi an die Stelle eines zuvor nicht vorhandenen Textelements (Nullelement). Beispielsweise fügt Beethoven in der Arbeitspartitur seiner Ecossaise für Harmoniemusik, D-Dur WoO 22 (1810) (GB-Ob, Ms. M. Deneke Mendelssohn c.21) über einen nach Takt 10 notierten vide-Verweis noch vier weitere Takte ein, die er auf einem separaten Einlegeblatt niederschreibt und erweitert somit diese Harmoniemusik von 20 auf 24 Takte Gesamtumfang (NGA II,4, Militärmusiken, 2017, S. 98).
Besteht die Erweiterung jedoch aus einer Hinzufügung einer oder mehrerer zusätzlicher Stimmen zu einer bereits vorliegenden Partitur, so wird zwar die Stimmenanzahl der Partitur, nicht aber deren Gesamtlänge (die Anzahl von Takten) vergrößert. Hierzu gehört beispielsweise Beethovens Praxis, zu einer bereits ausgearbeiteten Partitur nachträglich noch Posaunenstimmen oder eine Kontrafagottstimme hinzuzufügen (z. B. in der 9. Symphonie). Diese Erweiterungen werden außerhalb der Partitur auf separaten Blättern notiert, weil die Arbeitspartitur hierfür keinen Schreibraum mehr bietet.
Werden die in einer oder in mehreren Stimmen vorhandenen Pausen durch Noten ersetzt oder umgekehrt, Pausen durch Tonfolgen ersetzt, so handelt es sich nicht um eine Erweiterung, sondern um eine Ersetzung. Der Taktumfang beider Varianten bleibt unverändert: Die metrische Quantität der ersetzten Pausen muss identisch sein mit der metrischen Quantität der sie ersetzenden Noten und umgekehrt (Kontextzwang). Gleiches gilt auch, wenn eine oder mehrere aktive Stimmen durch Pausen ersetzt werden: Es handelt sich auch hier nicht um eine Tilgung, sondern um eine Ersetzung.

Erweiterungen treten nicht nur im Zuge der Erarbeitung eines neuen Werks auf. Sie finden sich auch bei einer Umarbeitung einer Originalfassung eines Werkes in eine Parallelfassung (Bearbeitungsfassung, Neufassung). Auch hier führt die Erweiterung zu einer Vergrößerung des Taktumfangs, wenn sie als eingeschobenes Partitursegment auftritt. Durch derartige Einschübe entstehen Differenzen zwischen der Originalfassung und der Bearbeitungsfassung ein und desselben Werks. So besitzt beispielsweise Beethovens Streichquartettfassung der Großen Fuge op. 133 einen Umfang von 741 Takten, wohingegen seine Bearbeitungsfassung für Klavier zu vier Händen op. 134 aufgrund des erweiterten Satzanfangs insgesamt 743 Takte umfasst. Es versteht sich von selbst, dass die mit verschiedenen Werkfassungen verbundenen Varianten (Fassungsvarianten) sich nicht wie die genetischen Varianten wechselseitig aufheben, sondern unabdingbare Bestandteile zweier koexistierender Fassungen sind.

Version 1.0.0