Umstellung

Eine Umstellung ist (1) eine von vier Grundoperationen der Textintervention. Zugleich bezeichnet Umstellung (2) einen von vier Variantentypen. Ebenso wie die übrigen drei Bezeichnungen für Textoperationen (Tilgung, Erweiterung, Ersetzung) besitzt auch das Begriffswort Umstellung eine Doppelbedeutung: Wird es als nomen actionis gebraucht, bezeichnet es einen Prozess (Textoperation); als nomen qualitatis bezeichnet es dagegen das durch diesen Prozess erzielte Ergebnis, ein Produkt (Variantentypus). Die vier genannten Textoperationen resp. Variantentypen lassen sich unter dem strukturalistischen Oberbegriff Substitution zusammenfassen.
Wird ein bereits ausformuliertes Partitursegment aus seiner ursprünglichen Textposition entfernt (Tilgung) und an eine andere Stelle des Gesamttextes verpflanzt, so sprechen wir von einer Umstellung. Dieser Einschub ist als Ersetzung zu verstehen, denn er substituiert ein Nullsegment. Die Gesamtlänge des Textes bleibt dabei unverändert; aber der Funktionszusammenhang des transplantierten Segments, seine syntaktische Position und seine Bedeutung ändern sich und mithin das Gesamtgefüge des Textes. Mutmaßlich sind in der kompositorischen Praxis Beethovens derartige blockhafte Umstellungen von Textsegmenten selten, wohingegen sie bei Max Reger mehrfach anzutreffen sind (Susanne Shigihara, Zum Problem der Streichungen in den Reinschrift-Autographen Max Regers, in: Reger-Studien 3. Analysen und Quellenstudien, 1988, S. 201–226. Die Autorin fasst diese Umstellungspraxis metaphorisch als Komposition mit der Schere, s. S. 202). Auch bei Robert Schumann finden sich gelegentlich Umstellungen von Texteinheiten: Z. B. in der ersten Niederschrift des 1842 komponierten a-Moll Klaviertrios, das er später unter dem Titel Phantasiestücke op. 88 veröffentlicht (F-Pn, Ms. 312).
Die Umstellung von Einzelstimmensegmenten innerhalb ein und derselben takt-metrischen Position findet sich dagegen auch bei Beethoven häufig. So kann beispielsweise ein zunächst den Celli zugeordnetes Motiv in die Violastimme verpflanzt werden, wobei das Cellosegment entweder durch Pausen oder durch eine andere Stimmführung ersetzt werden muss und vice versa, die in der Bratschenstimme ursprünglich vorhandenen Symbole (Pausen durch Noten) ersetzt werden müssen.

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