Schreiboperation

Unter Schreiboperation verstehen wir einen einzelnen, kohärenten, manuell ausgeführten Handlungsschritt, der sich skriptural als Text materialisiert.
Die Herstellung eines komponierten Textes (Textualisierung) lässt sich anhand aussagefähiger Werkstattdokumente einerseits auf der materiellen Ebene des Schreibens (Schreiboperation) und andererseits auf der Ebene sinnvoller Zeichenkonstruktionen (Textoperation) beobachten und beschreiben. Die genetische Textkritik gewinnt ihre Ergebnisse aus der Verknüpfung beider Perspektiven.
Ein kontinuierlich und störungsfrei fließendes Textwachstum (Progression) ist in Werkstattmanuskripten eher selten anzutreffen. Zumeist wird ein bereits erarbeiteter Text immer wieder durch selbstkritische Interventionen überprüft und verändert, abschließend nochmals durch eine Revision und Redaktion optimiert, bevor er als Werktext freigegeben wird. Interventionen und Revisionen sind mit bestimmten, typischen Text- und Schreiboperationen verbunden, die zu Text-Varianten, aber auch zu Korrekturen führen.
Unter Textoperation verstehen wir die Überführung eines bereits bestehenden Textzustandes in einen anderen Zustand. Textoperationen manifestieren sich in skripturalen Befunden, die das Ergebnis manuell ausgeführter Schreiboperationen sind. Eine Schreiboperation ist objektiv befundbasiert; eine Textoperation beruht auf der Deutung dieser Befunde. Jede Textoperation setzt eine Schreiboperation voraus. Den zeitlichen Verlauf derartiger Schreiboperationen bezeichnen wir als Schreibprozess.
Schreib- und Textoperation sind zwei aufeinander bezogene Blickperspektiven bzw. Zugangsweisen zu Werkstattdokumenten; sie müssen aber aus methodischen Gründen voneinander unterschieden werden.
Es gibt vier Formen von Textoperationen (Einfügung, Tilgung, Ersetzung und Umstellung), die durch eine Vielzahl unterschiedlicher Schreiboperationen herbeigeführt werden können. So kann z. B. die Textoperation Tilgung durch die Schreiboperationen Streichung, Überklebung, Rasur oder spontanes Auswischen der nassen Tinte ausgeführt werden. Und vice versa kann die Schreiboperation Streichung verschiedene Textoperationen zur Folge haben: Sie kann die ersatzlose Tilgung eines Textsegments bewirken, kann aber auch Teil einer Ersetzung sein, die aus den beiden Operationen Tilgung und Einfügung besteht. Auch die Textoperation Ersetzung kann mittels verschiedener Schreiboperationen erzielt werden: durch Um-Schreibung eines Textsegments, durch interlinearen oder extralinearen Texteinschub auf ein und derselben Seite, durch Überklebung oder durch ein Notat auf einem separaten Einlageblatt.
Eine wörtliche oder transponierte Reprise oder ein wiederkehrendes Rondothema kann entweder abschriftlich oder in Form einer rückverweisenden Abbreviatur hergestellt werden. Diese Textoperation (Einfügung) kann demnach ebenfalls auf verschiedenen skripturalen Wegen erzielt werden.

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