Stimmenkontur

Die Perspektive der Stimmenkontur (engl. melodic contour) ist neben der Fassungssynopse (engl. plain comparison), den Bearbeitungsmaßnahmen (engl. genetic comparison), dem Einzelnotenvergleich (engl. single note comparison), dem Harmonievergleich (engl. harmonic comparison) und der Darstellung der Ereignisdichte (engl. event density) eine von sechs Perspektiven der VideApp-Arr, mit deren Hilfe Fassungen computergestützt verglichen werden können.
Im Gegensatz zu den anderen Perspektiven bietet die Stimmenkontur keinen konventionellen Notentext beider Fassungen, sondern davon abstrahierte schematisch-lineare Stimmenkonturen, die sich überlagern.

Stimmenkontur
Bereits Arnold Schönberg hat sich in seinem Lehrwerk Grundlagen der musikalischen Komposition (1937–1948, ins Deutsche übertragen von R. Kolisch und hg. von R. Stephan, 2 Bde., Wien 1967) der schematischen Darstellung von Melodie-Konturen bedient, um deren strukturelle Dynamik und ihren Richtungsverlauf darzustellen (Bd. 1, S. 51 und Bd. 2: Beispiele 97–100).
Die im 2. Modul entwickelte Stimmenkontur ist eine abstrahierte Darstellung des Notentextes in linearer Form. Dabei wird der Tonhöhenverlauf jeder einzelnen Stimme auf einer vertikalen Achse und die syntaktische Position jeder Note auf einer horizontalen Achse wiedergegeben. Jede Note wird durch einen Punkt dargestellt und diese werden durch Linien verbunden. Dadurch ergeben sich für jede Stimme eines Notentextes charakteristische graphische Konturen, die den Verlauf der jeweiligen Stimme abbilden. Um die Anzeige um Vorzeichen zu erleichtern, die Tonhöhe aber dennoch genau ablesen zu können, werden die Stimmenkonturen auf einem MIDI-Tonhöhen-Raster abgebildet. Enharmonische Unterschiede können nicht angezeigt werden. Die mit den Konturen verbundenen Taktstriche und Taktzahlen erlauben eine schnelle und sichere Orientierung in der jeweils dargestellten Fassung. Optional können Balken zur Anzeige von Tondauern aber auch die die Noten der Stimmen verbindenden Linien wahlweise ein- oder ausgeblendet werden.

Stimmenkonturvergleich
Die Perspektive der Stimmenkontur ermöglicht den Vergleich zweier Fassungen eines Werkes auf horizontaler, melodischer bzw. stimmenbezogener Ebene. Hier wird sichtbar, wo und welche Struktureinheiten (Motive, Themen, Figuren, Passagen usw.) beiden Fassungen gemeinsam sind bzw. wo und wie diese Strukturen voneinander abweichen. Dabei werden die Konturen der Einzelstimmen beider Fassungen farblich markiert und übereinander gelegt. Die Ursprungsfassung ist rot, wohingegen die Stimmenkonturen der Bearbeitung grün eingefärbt sind. An Stellen, an denen sich die Stimmenkonturen deckungsgleich überlagern (Invarianz), verändert sich die Einfärbung in schwarz: Damit werden invariante Abschnitte der Stimmverläufe, d. h. der beiden Fassungen gemeinsame Satzkern, unmittelbar angezeigt. Darüber hinaus wird direkt erkennbar, wo eine Stimme in Oktaven geführt wird, wo Stimmtausch stattfindet und wo Töne einer Fassung in der anderen keinerlei Entsprechung finden. Einzelne Stimmen können außerdem ein- und ausgeblendet werden. Zudem ist eine Hervorhebung einzelner Stimmen durch Mouseover (Hervorhebung eines Elements durch Überfahren mit dem Mauszeiger) möglich. Diese Einblend- und Hervorhebbarkeit ist vor allem bei umfangreichen, vielstimmigen symphonischen Werken von Vorteil: Sie reduziert die Komplexität von Partituren und zeigt, welche Stimme der einen Fassung sich in welcher Stimme der Parallelfassung wiederfindet.

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